53. Biennale d'Arte in Venedig - «Fare Mondi, Welten Machen ...»

Tomas Saraceno · Galaxy Forming along Filaments, like Droplets along the Strands of a Spider's Web, 2009. Courtesy Tanya Bonakdar, New York. Foto: Werner Egli

Tomas Saraceno · Galaxy Forming along Filaments, like Droplets along the Strands of a Spider's Web, 2009. Courtesy Tanya Bonakdar, New York. Foto: Werner Egli

Emily Jacir · Stazione, 2008/2009, Vorschlag für Vaporetto-Stationen in Venedig (II), Digitale Fotografieweitere Bilder

Emily Jacir · Stazione, 2008/2009, Vorschlag für Vaporetto-Stationen in Venedig (II), Digitale Fotografie
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Fokus

Kunstbiennalen sind immer auch Diskursschulen. Die Rundgänge und Gespräche garantieren einen Mehrwert, der über das künstlerisch Gebotene hinausweist. Nebst den vom schwedischen Kurator Daniel Birnbaum sorgfältig sortierten Schauplätzen locken auch diesmal zahlreiche Länderpräsentationen. Nachfolgend empfehlen einige AutorInnen einzelne Arbeiten.

53. Biennale d'Arte in Venedig - «Fare Mondi, Welten Machen ...»

Die quer durch den Raum gespannten Netze und geknüpften Galaxien von Tomas Saraceno mitten im Palazzo delle Esposizioni in den Giardini lassen die Spielregeln deutlich werden: Das schnelle Absorbieren eines Parcours ist nicht das Thema. Ein Teil des Publikums schiebt sich der Wand entlang, wo die Seile offener gespannt sind, andere suchen sich ihre individuellen Durchstiegsrouten quer durch den Raum.
Auch durch die Giardinis führen viele Wege. Roman Ondák beispielsweise leitet die Besucher auf einem sanft geschwungenen, von üppigen Bäumen und Sträuchern gesäumten Pfad in den tschechischen/slovakischen Pavillon hinein und in einem Loop wieder in die alte Parklandschaft hinaus. Oder Fiona Tan begleitet das Publikum im holländischen Pavillon in einer filmischen Doppelprojektion auf den Spuren von Marco Polo und Italo Calvino auf eine Weltreise und entlässt es anschliessend mit einem geschärften Blick für Venedigs machtbewusste Metropolen-Vergangenheit.
Schwieriger zu finden als die Pavillons in den Giardinis sind die zahlreichen privaten und staatlichen Initiativen, die im Umkreis weniger Vaporetto Stationen ebenfalls um Aufmerksamkeit ringen. Auf unserer Kunsttour mussten wir uns immer wieder neu entscheiden: Besuchen wir die spektakulär inszenierte Gruppenausstellung «In-Finitum» in dem gotischen Palazzo Fortuny oder die ausufernde Sammlung von François Pinault in dem von Tadao Ando umgebauten Zollhaus? Eine Reise lohnt sich allemal, denn wo sonst werden wir über die Auseinandersetzung mit Kunst mit einer derartigen Fülle höchst unterschiedlicher, kulturell geprägter kollektiver Erwartungen, Wertvorstellungen und Präsentationsweisen konfrontiert? Und wohltuend setzt der Hauptkurator Daniel Birnbaum dem vielstimmigen Länderwettbewerb ein klar gegliedertes, konstruktives «Welten-Schaffen» entgegen. Diese kollektive und gleichzeitig diversifizierende Haltung klingt bereits im vielsprachig übersetzen Titel «Fare Mondi, Werelden Creëren, Skabe Verdener, Facere de Lumi...» an, der nicht von Polarisierungen, sondern von diskursiven Nuancen lebt.

Sylvia Bächli, «das (to Inger Christensen)»
Schweizer Pavillon, Giardini - So zurückhaltend und tastend sind die Arbeiten von Silvia Bächli, dass man Mühe hatte, sich ihre Präsenz im Rahmen der nationalen Selbstbehauptungen der Biennale-Pavillons vorzustellen. Allerdings beschäftigt sich die Schweizer Künstlerin, die ihre Arbeiten mit Vorliebe im Verbund mit weiteren Zeichnungen, Fotos oder anderen Dingen zeigt, seit je auch mit dem Komponieren von Verhältnissen und Räumen - als bestände künstlerisches Tun darin, ein umfassendes Klima, einen gewissermassen zwischen verschiedenen Gedanken oder visuellen Erprobungen schwingenden mentalen Raum zu öffnen. In Venedig ist Bächli ein veritables Gesamtkunstwerk gelungen, in dem Architektur und sogar Bestuhlung mitsprechen. Der von Bruno Giacometti nach dem 2. Weltkrieg als Tribut an die Moderne gebaute Pavillon liest sich nun wie ein in drei Variationen präzis komponiertes Meisterstück, in dem Bächlis Papierarbeiten die klaren Orthogonalen der Architektur - wie Töne auf Notenlinien - in Schwingung versetzen. Und obwohl die Atmosphäre minutiöse Konzentration und Spannung vermittelt, fühlt man sich nicht beengt, stattdessen entspannt, ja wie in einer meditativen Hülle, in der vieles anklingt, ohne dass sich die verschiedenen Stimmen hier und jetzt lauten Auftritt verschaffen müssten. Brita Polzer, Redaktorin Kunstbulletin, polzer@kunstbulletin.ch

Elmgreen & Dragset, «The Collectors»
Dänischer und Nordischer Pavillon, Giardini - Hausverkauf in den Giardini. Ein Nationenpavillon zum Schnäppchenpreis - Jedenfalls eine schöne Pointe im Schacher um Künstler und Nationeneitelkeiten. Gravierender Nachteil: Angeboten wird das Anwesen nur in Exklusivführungen durch «Real Estate»-Agenten. Die Folge: lästige Wartezeiten. Wer Schlangestehen nicht als Lebensglück empfindet, sollte gleich zum nordischen Nachbarn gehen. Zum ersten Mal scheint dort die modernistische Bungalow-Architektur ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt: als mondäne Behausung eines extravaganten (und offenkundig homosexuellen) Sammlers. Perfekter Mimikry mit wohldosierter Ironie und Verner Panton-Lampe. Im Gegensatz zum verkrampften Minimaleinsatz des Engländers Liam Gillick im Deutschen Pavillon atmet die erstmalige Kooperation des Dänischen und Nordischen Pavillons unangestrengte Internationalität und kreative Opulenz. Das Künstlerduo Elmgreen & Dragset, Kuratoren einer Group-Show mit zwei Dutzend Kollegen rund um den Erdball, spricht nicht nur von Interdisziplinarität, Lebensdesign, Raumreflexion und Geschichte - die beiden Skandinavier inszenieren ebenso treffsicher wie nachhaltig einen Abgesang auf die Hypekultur der ach so schönen Künste und deren unvermeidliche Akteure mit ihren Aspirationen wie Transpirationen. Prädikat wertvoll. Nur der makabre Schlusspunkt der Gesamtinstallation, die im Pool treibende Wasserleiche des Sammlers, ist allzu erhellend: Achtlos gehen die Besucher an ihr vorbei - oder lassen sich mit ihr fotografieren. Ralf Beil, Direktor Institut Mathildenhöhe Darmstadt, ralf.beil@web.de

Dominique Gonzalez-Foerster, «De novo» und «S. T. (Il Giardino dei Finzi Contini)»

Palazzo delle Esposizioni, Giardini, und Arsenale - Ganz hinten, im verwildert verwunschenen Garten am Ende des Arsenale, steht man plötzlich vor einem geheimnisvollen Gatter, das Zugang zu einem anderen, märchenhaften Reich verspricht. Es ist die Welt der französischen Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster, die das Melancholische, das Rätselhafte, das sich Entziehende liebt. In ihrem zweiten Beitrag, dem Film «De novo» im Palazzo delle Esposizioni, erzählt Gonzalez-Foerster die Geschichte einer Künstlerin - ist es sie selbst? - die mehrmals versucht, an der Biennale teilzunehmen und doch immer wieder scheitert. Bei ihrer ersten Teilnahme 1990 hat die Künstlerin einen «Valise biographique» in einem Gefängnis versteckt. Drei Jahre später platzierte sie einen Plexiglas-Behälter in einem Vaporetto. 1999 wollte sie einen Film über die Giardini zeigen, doch am Eröffnungstag war das Projekt noch unfertig. Eine Katastrophe. Zu «Utopia Stations» im Jahr 2003 schliesslich steuerte sie ein schwarzes Loch, ein «beinahe Nichts», wie sie selbst sagt, bei. Eines ist all diesen Arbeiten gemeinsam: Sie waren leicht zu übersehen oder gänzlich unsichtbar. Statt aufzuklären, wie er es vorgibt, fügt «De novo» dem Versteckspiel noch eine weitere Schlaufe hinzu. Der Film ist mehr als eine Rekonstruktion vergangener Arbeiten, er stellt den Akt des Erinnerns selbst ins Zentrum. Und weiss gleichzeitig sein Geheimnis zu hüten. Edith Krebs, Kulturjournalistin und Mitarbeiterin SIK, edithkrebs@swissonline.ch

Paul Ramírez Jonas, «Luna De Papel (Yo Creo Como Hablo)»

Istitutio Italo-Latino, Arsenale - Der Künstler ist mit leichtem Gepäck angereist: Ein Mikrofon, ein Notenständer, ein Verstärker und eine Wand mit A4-Blättern - bedruckt mit dem immergleichen Satz, «Yo Creo Como Hablo...». Dies ist alles. Die getippten Worte werden durch Satzzeichen typografisch gegliedert, zerdehnt, überschrieben oder brechen ab. Einem zufällig anwesenden Besuchergrüppchen erklärt Paul Ramírez Jonas: «Ein Werk im Biennale Kontext muss mächtig sein. Dennoch sollte es im Verhältnis zu meiner Körpergrösse und meinen Kräften stehen. Und es darf nicht ganz gratis sein, sonst ist es auch nichts wert...» Zunächst kostet das Werk etwas Zeit, denn erst als jemand ins Mikrofon zu sprechen beginnt, wird deutlich, dass der Lautsprecher funktioniert. Und nur beim Betrachten aus Distanz wandelt sich die typografische Feinstruktur überraschend zur kraterübersäten Oberfläche eines Mondes aus Papier. Allmählich entfaltet auch die Sprache ihre suggestive Kraft: «Yo Creo Como Hablo» = Ich kreiere, während ich spreche, oder: Ich glaube, wie ich spreche? Die Frage der Sprache ist eines der zentralen Themen dieser Biennale. Wie macht man das Publikum auf sich aufmerksam, wie übermittelt man seine Botschaft? Paul Ramírez Jonas lädt uns zum dialogischen Mit- und Weiterdenken ein, ohne künstlerische Aufgeregtheit und doch mit munterem Weitblick - von einem Blatt Papier zum Mond und wieder zurück. Claudia Jolles, Redaktorin Kunstbulletin, jolles@kunstbulletin.ch

«It's Not You, It's Me»
Pavillon der Vereinigten Arabischen Emirate/UAE, Arsenale - Klever und frustrierend ist er, der Pavillon der UAE, durch den sich erstmals einer der Golfstaaten vorstellt. Wie zahlreiche andere setzt sich auch dieser Beitrag mit der Geschichte der Biennale auseinander. Im Gegensatz zu Daniel Birnbaum, der in der Hauptausstellung historische Biennale-Schlüsselwerke nochmals Revue passieren lässt, stellt hier der Kurator Tirdad Zolghar den Pavillon ausdrücklich in den Bezugsrahmen der Weltausstellung: Da gibt es trockene Statistiken zu Land und Leuten zu sehen, architektonische Modelle von existierenden oder geplanten Kulturstätten (Guggenheim, Louvre etc.), junge Damen in Landestracht, die als «Gastgeberinnen» Information anbieten, Video-Interviews mit Kulturschaffenden, Audioguide, eine Gruppen- und eine Einzelschau (Lamya Gargash). Den Bogen zur eigenen Vergangenheit schlägt das Video der nach-inszenierten ersten Pressekonferenz zum Pavillon im Dezember 2008.
Die amüsante Auffächerung alter und neuer Ausstellungsstrategien gelingt meisterlich. Was in kuratorischem Sinn durchaus selbstkritisch auftritt, verliert im politischen Bereich allerdings an Schlagkraft. Wer sind die Nutzniesser dieser eleganten Analyse? Im Fall anderer totalitärer Regimes - China allen voran - hat man sich an deren Präsenz in Venedig gewöhnt. Bei den UAE sind die kulturellen Initiativen systematisch in ein wirtschaftliches Konzept eingebaut. Man hätte sich deshalb gewünscht, dass die kritische Haltung über das Ausstellungssprachliche hinausführen würde. Carin Kuoni, Leiterin des Vera List Center for Art and Politics, The New School NY, kuonic@newschool.edu

Emily Jacir und Khalil Rabah

Palästinensischer Pavillon, Giudecca - Schon 2003 hat Francesco Bonami einen palästinensischen Pavillon angeregt. Dank der Unterstützung mehrerer Stiftungen konnte er nun mit sechs Positionen erstmals eingerichtet werden. Nachdenklich stimmt der Beitrag von Khalil Rabah, die «3rd Riwaq Biennale». Sie findet parallel zur Biennale von Venedig in 50 palästinensischen Dörfer und Ortschaften statt und macht auf konservierungsbedürftige historische Bauten aufmerksam. Im Pavillon selber finden sich Gratis-Postkarten all dieser Orte - ähnlich wie beim Postkarten-Projekt von Alexandra Mir im Arsenale. Anders als bei Mir sind bei Rabah die Postkarten nicht ironisch gemeint. Was auch zeigt: Der Kunstbegriff ist heute mehr denn je abhängig vom Standort. Direkt auf Venedig bezieht sich das ausgestellte Werkkonzept der bekannten Künstlerin Emily Jacir: Sie wollte an die engen historischen Verbindungen Venedigs zur arabischen Welt erinnern, indem alle Vaporetto-Stationen auch auf Arabisch beschriftet würden. Venedigs Stadtväter fanden das nicht lustig, das Werk blieb unrealisiert. Wenn es um unser Verhältnis zur islamischen Welt geht, gilt es Ernst, und die Kunst wird in ihre Schranken verwiesen. Das zeigte schon die Kontroverse um Gregor Schneiders geplante Kaaba auf dem Markusplatz 2005. Barbara Basting, Redaktionsleitung Kultur, Schweizer Radio DRS 2, barbara.basting@srdrs.ch

Bis 
21.11.2009

53. Biennale d'Arte Venedig, bis 22.11., täglich 10-18 Uhr; Giardini, Montag geschlossen; Arsenale, Dienstag geschlossen. «Fare Mondi, Making Worlds», Katalog 2 Bd., Marsilio Editori, Venezia, 2009; Kurzführer mit Orientierungsplänen zum Arsenale, den Länderpavillons und kollateralen Events.?Weitere Tipps für Aussenstationen: Kristina Norman im Estländischen Papillon; Kennedy Browne im Irischen Papillon; Bruce Nauman im Amerikanischen Pavillon in den Giardini und Aussenstationen; Haegue Yang im Koreanischen Pavillon; Ming Wong im Singapur Pavillon.

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