Editorial

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Diese Schuhe kann der Künstler jetzt wegwerfen. Kurz vor der Plaine Morte hat sich die eine Sohle gelöst, wenig später die zweite. Nicht nur die beim Projekt «Wanderziel Kunst» beteiligten Kunstschaffenden haben im Juni manchen Kilometer zu Fuss hinter sich gebracht. Auch andere Kunstreisende, welche sich die Biennale Venedig, die Art Basel, die Swiss Art Awards und zahlreiche weitere Messe-Satelliten vorgenommen haben, waren physisch gefordert.
Körperliche Aktivität regt das Denken an. Darauf weist auch Olafur Eliassons aktuelle Ausstellung «The body as brain» in Zug. Hier spielen Hände eine zentrale Rolle: Wir sehen in mehreren Projektionen, wie zwei junge Tänzer mit ihren Händen in aberwitzigem Tempo Rechtecke formen, diese aneinanderhängen oder mit auf- und zuspringenden Fingern Wellen andeuten und aus dem Bild laufen lassen. In diesen Hand-Skizzen glauben wir Räume zu erkennen, dann Treppen, Fenster, einen Korridor, durch den jemand seinen Weg zu suchen scheint.
Die vier Hände übersetzen die Beschreibung eines architektonischen Museumrundgangs in tänzerische Gebärden. Wir sehen die tonlose körperliche Übertragung und können sie mit unserer eigenen Vorstellung eines Kunsthauses beleben. Anregung dazu bietet der Ausstellungsparcours: Eliasson hat die Lichtführung und Volumen im Gebäude so verändert, dass abgedunkelte Durchgänge, Übergänge entstehen und wir unser Schritttempo drosseln müssen.
Kunst braucht mehr denn je Einstimmung, Aufmerksamkeit, Zuwendung. Eliasson fordert eine Sinnlichkeit zurück, die nicht nur auf visuelle Suggestivität baut, sondern auch auf Erfahrungen, die den ganzen Körper mit einbeziehen. Kunst will erlaufen, ertastet und entdeckt werden. Dazu laden im Juni die Interventionen in fünf SAC-Hütten, die Biennale Venedig und zahlreiche Sommerausstellungen von Aarau bis Zug ein. Claudia Jolles

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