Nanne Meyer, «Luft anhalten»

Nanne Meyer · Mit weiterer Umgebung, 2008, Gouache auf Landkarte, 47,5 x 62 cm

Nanne Meyer · Mit weiterer Umgebung, 2008, Gouache auf Landkarte, 47,5 x 62 cm

Nanne Meyer · Vorhang, 2008/09, Dispersion auf Makulatur, 29,5 x 24,8 cm

Nanne Meyer · Vorhang, 2008/09, Dispersion auf Makulatur, 29,5 x 24,8 cm

Hinweis

Nanne Meyer, «Luft anhalten»

Nanne Meyer übermalt Weltkarten mit Wolken, Velokarten mit schrundigen Mustern, Wasserkarten mit orthogonalen Blöcken. Die Künstlerin ist eine Meisterin der Suggestion. Sie setzt den statistischen, geografischen Gegebenheiten ihre eigene fliessende, mentale Topografie entgegen. In ihren «Papierperspektiven» blicken wir durch Wolken auf eine tief unter uns liegende, nur skizzenhaft angedeutete urbane Landschaft. In anderen Blättern leitet sie unseren Blick nach oben, in einen von Kondensstreifen oder virtuellen Flugrouten zerfurchten Himmel. Nie beschränkt sich das Gesehene auf das Benennbare. Mit den Anklängen an eine vertraute Welt vermischen sich zeichnerische und malerische Spuren, die auf Energien hinweisen, die über die fass­baren Themen hinausführen. Was auf dem einen Blatt wie Höhenlinien wirkt, suggeriert auf dem anderen Kraftlinien, dynamische Sehbewegungen, als ob der über die Bildfläche schweifende Blick selbst seine Kratzspuren hinterlassen hätte. Nanne Meyer greift mit Vorliebe auf bereits benutzte Papiere zurück - Blindbände, alte Landkarten, Postkarten oder Makulatur von Kunstpublikationen. So in der Serie der «Vor­hänge», für die sie mit einem breiten Pinsel weisse Dispersion auf dunkel grundierte Makulatur aufgetragen hat. Die weissen Striemen lassen an einen im Wind bewegten transluziden Vorhang vor einem dunklen Fenster denken. Die hier durchschimmernden Flecken deuten wir sofort als geheimnisvolle Lichter, die uns aus der Ferne durch die schwingenden Stoffbahnen entgegenleuchten. Doch genau besehen sind es nur Druckspuren auf der verwendeten Makulatur. In ihrer Offenheit sind die Zeichnungen und Gouachen von Meyer immer auch äusserst konkret, weltzugewandt und von einer menschlichen Wärme durchdrungen. Dies gilt für die häuslichen Motive wie Vorhänge und Pflanzen ebenso, wie für die übermalten Land- oder Postkarten. Die bearbeiteten Bildgründe leben wie die mittelalterlichen, mehrfach beschriebenen Palimpseste von ihrer überlagerten Geschichte. Meyer zeigt in ihrem prozesshaften Vorgehen Perspektiven auf, lässt das Kleine gross erscheinen und bringt das Grosse auf ein menschliches Mass. Seit Freud wissen wir, dass das Unbewusste mit Vorliebe emotional entleerte Spielorte aus weit zurückliegender Vergangenheit als Projektionsflächen nutzt. Auch die von Meyer bemalten alten, segmentierten und auf Stoff aufgezogenen Karten erinnern an ferne Schulzeiten, als unsere Expeditionen meist nur im Kopf stattgefunden haben, während wir im Atlas Seite um Seite von Kontinent zu Kontinent gereist sind. Auch Nanne Meyers Bildwelten sind höchst suggestive, offene Projektionsflächen, die uns in die Ferne führen, ohne die genaue Route festzulegen.

Bis 
24.07.2009

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