Unter Höhenbedingungen - Künstlerische Interventionen in den Bergen

Arno Hassler mit seiner Panorama-Kamera auf dem Weg zur Cabanna Es'Cha.?Foto: Marco Volken

Arno Hassler mit seiner Panorama-Kamera auf dem Weg zur Cabanna Es'Cha.?Foto: Marco Volken

Reto Rigassi arbeitet an «Eroserose» bei der Capanna Basòdino.?Foto: Marco Volken

Reto Rigassi arbeitet an «Eroserose» bei der Capanna Basòdino.?Foto: Marco Volken

Fokus

Der Schweizer Alpen-Club SAC veranstaltet periodisch Ausstellungen, nun bereits zum zweiten Mal in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Kunstverein. Für das diesjährige Projekt zeichnet der Kurator Andreas Fiedler verantwortlich. Er bringt die Kunst in die Berge, auf fünf SAC-Hütten, auf über 2500 Meter. Geplant sind 14 ortsspezifische Kunstinterventionen von Judith Albert über Peter Fischli/David Weiss bis zu Monica Studer/Christoph van den Berg. Das Gespräch mit Rita Sager, der Hüttenwartin der Etzlihütte, mit Andres Lutz, einem der beteiligten Künstler, und Andreas Fiedler spürt den damit verbundenen Vorstellungen und Erwartungen nach.

Unter Höhenbedingungen - Künstlerische Interventionen in den Bergen

«Manchmal sitze ich Stunden im Nebel am gleichen Ort. Dohlen setzen sich auf mein Stativ und scheinen mit mir auf den Moment des Abdrückens zu warten. Der Alpenraum ist mir seit meiner Kindheit vertraut. Und genau diesen Raum habe ich jetzt zu meiner Werkstatt erklärt. Die spektakulären Vorgänge geschehen von alleine. Hier wähle ich nur einen Standort für die Kamera. Das Licht verändert sich ununterbrochen, Nebel und Wolken verschieben sich. Es gibt viele Momente, um den Belichtungsprozess auszulösen. Anders war das kürzlich in einer mir fremden Wüste: Überwältigt vom Neuen packte mich ein Fieber. Geduld und Kenntnisse fehlten, um natürliche Veränderungen vorauszusehen. Dort genügten weder Zeit noch Filmvorrat, um alles einzufangen.» Arno Hassler, 2009

«Berglandschaften sind herausfordernd und ich war nicht unfroh, dass Andreas Fiedler mich anfragte, den räumlich definierten, symbolisch jedoch weitläufigen Ort der fünf Fahnen für die fünf Hütten zu bespielen. Doch auch hier stellte sich sofort die Frage nach dem Motiv, respektive nach der Qualität der künstlerischen Setzung, welche dem natürlichen Gegenraum standhalten müsste. Ich habe mich für eine konzeptionell imaginative Lösung entschieden.» Yves Netzhammer, 2009

«Ich fühle die Notwendigkeit, mit der Natur, dem Raum, der Zeit zu interagieren, auf der Suche nach neuen Erfahrungen und Emotionen. Doch die Erde wird immer kleiner, wir behandeln sie immer respektloser, unsere Aktivitäten werden immer hektischer und agressiver. Ich möchte diesen Sog gerne unterbrechen und neu beginnen. Ich denke an die Natur, die rebelliert und ihren eigenen Raum wieder zurückerobert. In «Eroserose», 2004-09, sind, im Kontakt mit der Erde, bewusste und unbewusste Emotionen aufgeblüht. Meine Beziehung, Meditation, Auslöschung besteht darin, mit Steinen auf weisses japanisches Seidenpapier einzuschlagen, welches auf polierten Felsen gelegt ist. Das Papier wird mit energischen Hieben und leichten Schlägen traktiert. Die Aktion generiert repetitive Rhythmen und Töne, von stürmisch bis heiter, toc toc tic tac ? begleitet vom ständigen Getöse des Wassers und dem Hauchen des Windes.» Reto Rigassi, 2009

Müller: Die Berge bilden den Kontext des aktuellen Kunst-Projekts des SAC. Sie bedeuten für jede und jeden von euch etwas anderes, auch im Zusammenhang mit diesem Projekt.

Lutz: Wenn i von fean die Beag seh, / tun sie mia sea weh. Wenn i dann in die Beag geh, / tun sie mia aa weh. Die Beag, / sie tun mia imma weh.

Sager: Für mich ist die Bergwelt ein Arbeitsort, der einen Kontrast zum Leben im Tal darstellt. Das Leben auf der Hütte ist mit viel Freiheit und Erholung verbunden, bedeutet aber auch viel Arbeit, körperliche Strapazen, Improvisation und Innovation.

Fiedler: Bezogen auf das Projekt sind die Berge für mich zu einem Ort der Entschleunigung geworden, und zwar vor allem in Relation zum schnelllebigen und global vernetzten Kunstbetrieb. Beispielsweise waren im letzten Sommer für die konkreten Recherchen mehrtägige Wanderungen notwendig - also keine durchgeplante Zugfahrt zwischen Frankfurt, Düsseldorf und Hannover in zwei Tagen.

Die Berge und die Kunst

Müller: Und wie steht es konkret um die Frage von Kunst in den Bergen?

Lutz: Die Berge brauchen keine Kunst.

Fiedler: Das stimmt. Für mich ist es deshalb entscheidend, dass man vom Projekt nicht eine «Ausstellung» auf über 2500 Metern erwartet. Dies war mir von Anfang an sehr wichtig: Es gibt weder eine Bilderausstellung noch einen Kunstparcours oder einen Skulpturen-Weg. Das Projekt ist in meiner Konzeption auf wenige und zum Teil sehr zurückhaltende Interventionen von Kunstschaffenden ausgerichtet, die sich auf den Ort und dessen Kontext einlassen. Pro Hütte werden maximal sechs Interventionen zu sehen sein. Aber der Anspruch an den qualitativen Kern des Kunstwerks ändert sich auf 2500 Metern nicht. Ich habe das Projekt in enger Zusammenarbeit mit allen Kunstschaffenden entwickelt - und nicht anhand einzelner Werke, die in die Berge verpflanzt werden müssten. Es werden Arbeiten zu sehen sein, die auf den spezifischen Kontext reagieren, die insbesondere auch als Idee die Kraft haben, sich innerhalb des spektakulären Bergpanoramas zu behaupten. Rein formal-ästhetische Lösungen oder stark inszenierte Werke kamen für mich nicht in Frage.

Müller: Trotzdem kann und wird wahrscheinlich der Vorwurf laut werden, Kunst würde sich inzwischen überall ausbreiten.

Ein kulturell besetzter Ort

Fiedler: Als Frage, was denn Kunst auf 2500 Metern zu suchen habe, ist dieser Vorwurf berechtigt. Die Rückfrage «Warum denn nicht?» aber auch. Wie gesagt, die Berge brauchen keine Kunst. Allerdings halte ich Bedenken, die mit Vorstellungen der reinen Bergwelt, der Idylle der Natur operieren, für ein Missverständnis. Die Bergwelt ist seit jeher ein kulturell besetzter Ort; das reicht von Mythen und Sagen bis zur Freizeit- und Tourismusindustrie. Es wäre ein Irrtum, die Berge quasi als einen «White Cube» zu betrachten, der von jeglichem kulturellem Einfluss unberührt ist und bleiben soll.

Sager: Mir scheint bei dieser Frage der inhaltliche Aspekt der Kunstwerke zentral, weniger der Ort. Wenn man die puristische Vorstellung der Bergwelt weiterspielt, dann müsste man jedes Bild auf einer Berghütte entfernen.

Müller: Auf der Etzlihütte sind jetzt im Sommer Werke zu sehen, die wahrscheinlich eine andere Sprengkraft besitzen als das Gemälde eines Bergpanoramas. Diese Arbeiten werden Reaktionen auslösen.

Sager: Es werden sich automatisch Gespräche ergeben, die auch Geschmacksfragen berühren. Aber das ist sehr spannend. Ich persönlich finde es interessanter, diese vielleicht provozierenden Arbeiten auf der Hütte zu haben als ein paar traditionelle Gemälde mehr, die sich sang- und klanglos in den Hüttenalltag einpassen.

Herbergen für die Kunst

Müller: Wie kam es denn überhaupt zur Auswahl der fünf Hütten?

Fiedler: Gemäss Vorgaben des SAC mussten alle vier Sprachregionen berücksichtigt werden. Dann sollten die Hütten auf Wanderwegen für Familien erreichbar sein und verschiedene Zustiegsmöglichkeiten bieten. Natürlich ist es für das Projekt ganz wichtig, dass die betroffenen Hüttenwarte einverstanden waren. Ohne ihr persönliches Engagement könnte das Unternehmen nicht durchgeführt werden.

Sager: Entscheidend ist für mich, dass von mir keine besondere Vorliebe für Kunst gefordert wird. Wir können und werden einzelnen Arbeiten vielleicht auch kritisch gegenüber stehen. Daraus ergeben sich kontroverse Diskussionen im Hüttenalltag, das ist es ja auch, was uns an dem Projekt interessiert.

Müller: Und wie kamen Lutz/Guggisberg auf die Etzlihütte?

Lutz: Sie lag im Warenkorb des Organisationskomitees. Ausserdem willwollte es der lustige Zufall, dass die Hütte auf einem der dreissig Bilder, die wir balden dorten auf­hängen werden, woistwillimässig vorkommt. Auch ist Frau Sager sehr gut zu uns gewesen letzten September beim Reko-AdventureTM, sie gab uns Polenta und Vertrauen.

Müller: Und wie ist die Auswahl eurer Arbeit zustande gekommen?

Lutz: Die dreissig Bilder der Serie «Eindrücke aus dem Landesinneren» passen thematisch gut in die Abgelegenheit einer Berghütte, so gut wie sie auch an irgendeine Museumswand passen.

Müller: Die Kunstwerke sind in und um die Hütten platziert. Einige werden sofort beachtet, über andere stolpert man per Zufall oder sie werden vielleicht übersehen. Fiedler: Das kann durchaus sein. Jeder Kontext hat seine eigenen Bedingungen; auch die Bergwelt stellt bestimmte Anforderungen an ein Kunstwerk, aber auch an die Besuchenden. Dennoch, als Kurator stelle ich hier dieselben Ansprüche an die Kunst wie in einem urbanen Umfeld.

Aufstieg und Aussicht

Müller: Ich persönlich bin gespannt, ob Arbeiten, die ich aus dem normalen Ausstellungsbetrieb kenne, in diesem herausfordernden Umfeld andere Facetten entfalten, ob ich andere Aspekte sehe.

Lutz: Das wird sich zeigen, darüber ist jetzt noch nichts zu sagen.

Sager: Ich bin sicher, dass die Kunstwerke an diesem Standort intensiver wirken werden. Aufgrund der «unstimmigen» Umgebung werden die Leute anders konfrontiert mit Kunst, sie erleben sie auch rein physisch aus anderen Blickwinkeln. Ausserdem ist mit dem Abstieg die Gelegenheit des Nachdenkens gegeben. Die Möglichkeiten der Begegnung sind einfach vielfältiger, unerwarteter, daher auch nachhaltiger.

Müller: An ein Projekt mit dieser öffentlichen Aufmerksamkeit werden grosse Erwartungen herangetragen.

Fiedler: Ja, für alle Beteiligten ist das Projekt auch ein Experiment. Im Zentrum steht immer noch die Wanderung, der Aufenthalt in den Bergen - daher auch der Titel «Wanderziel Kunst: Ein- und Aussichten». Dann stellt sich beispielsweise die Frage, ob die Erwartung an die Kunst steigt, wenn man sie sich in einem zweistündigen Aufstieg erwandern muss.

Lutz: Wenn überhaupt etwas erwartet wird, hat man angesichts der Tatsache, dass sich circa zwei Prozent der Bevölkerung für Kunst interessiert, ja schon gewonnen.

Müller: Und wie steht es um die Vermittlung der Arbeiten?

Fiedler: In jeder Hütte werden kostenlos Broschüren mit Informationen zu den jeweiligen Kunstwerken abgegeben. Ausserdem erscheint Anfang August eine umfangreiche Publikation, die sowohl Kunstkatalog als auch Wanderführer ist. Es geht ja nicht an, dass die Hüttenwarte während ihrer Arbeit dauernd mit denselben Fragen konfrontiert werden. Im Übrigen vertraue ich voll und ganz auf die Kunstwerke selbst.

Sager: Ich glaube, dass Kunst keine Erklärung braucht. Sie ist so, wie sie ist oder wie sie empfunden wird.

Irene Müller, Kunstwissenschaftlerin, freie Kuratorin und Autorin, lebt in Zürich

 «Wanderziel Kunst: Ein- und Aussichten», 14 ortsspezifische Kunstinterventionen auf 5 SAC-Hütten in den 4 Sprachregionen, mit Judith Albert, Ariane Epars, Geneviève Favre, Peter Fischli/David Weiss, Bob Gramsma, Arno Hassler, Andres Lutz/Anders Guggisberg, Yves Netzhammer, Peter Regli, Reto Rigassi, Markus Schwander, Roman Signer, George Steinmann, Monica Studer/Christoph van den Berg. Dies ist das zweite gemeinsame Projekt des Schweizer Alpenclubs und des Schweizer Kunstvereins. Es knüpft an die Ausstellung «Hoch hinaus», 2005, im Kunstmuseum Thun an. «Wanderziel Kunst: Ein- und Aussichten», hg. von Andreas Fiedler und Schweizer Alpen-Club SAC, Bern, 2009

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