Thomas Hirschhorn - Crystal of Resistance

Thomas Hirschhorn · Crystal of Resistance, 2011, Multimediainstallation, Schweizer Pavillon, Biennale Venedig. Foto: Werner Egli

Thomas Hirschhorn · Crystal of Resistance, 2011, Multimediainstallation, Schweizer Pavillon, Biennale Venedig. Foto: Werner Egli

Fokus

Nach der völlig unverständlichen Entscheidung, die pseudoreligiös aufgeladene Präsentation im deutschen Pavillon mit dem Goldenen Löwen auszuzeichnen, fällt es schwer, über die Venedig-Biennale noch als ernstzunehmendes Kunstevent zu schreiben. Dennoch hier Überlegungen zu Thomas Hirschhorns Beitrag im Schweizer Pavillon.

Thomas Hirschhorn - Crystal of Resistance

Mainstreamfähiger Populismus gibt auf der Venedig-Biennale immer mehr den Ton an, sei es als politische Pose - wie beispielsweise der auf dem Rücken liegende, als Laufband fungierende Panzer von Allora & Calzadilla - oder als emotionaler Kitsch, wie die möchtegern-sakrale Weihestätte im deutschen Pavillon. Dank ihres smarten Heiligenscheines hat diese gefühlsduselige Inszenierung mit dem dort vergötterten, letztes Jahr verstorbenen Film- und Theaterregisseur Christoph Schlingensief kaum was zu tun, ästhetische Qualitäten sucht man zudem vergebens. Engagierte Kunst hat es angesichts dieser ästhetischen Verflachungen schwer, umso wichtiger ist Thomas Hirschhorns Beitrag ‹Crystal of Resistance› für den Schweizer Pavillon.
Der Künstler hat eine überbordene Kristallgrotte geschaffen, deren «zackige» Wände aus silbernen Aluminiumfolien und Spiegeln gestaltet sind. In diesem bedrückenden Raum, der an ein so futuristisches wie abgewracktes Bergkristallmuseum erinnert, findet sich die für ihn typische Ansammlung von in Frischhaltefolie umwickelten Gegenständen, demolierten Schaufensterpuppen und schockierenden Fotos von Kriegsopfern. Daneben sind in Reihe aufgestellte Barbiepuppen, Texttransparente mit politischen Statements und selbst gebastelte Treppen installiert. Dazu kommen ausgestopfte Murmeltiere, unzählige Glasscherben, künstliche Kristalle...
Viel zu viel von allem ist hier zusammengetragen, aber nicht zuletzt darum geht es: Die tagtägliche Überforderung, das Übermass heutigen Unrechts noch (widerständig) wahrnehmen zu können, steht so zur Disposition. Um diesen trashigen Kristallpalast nämlich in seiner Gänze rezipieren zu können, bedarf es eben der «Überdehnung der gewohnten Phantasie und Gefühlsleistungen», die der Soziologe Günther Anders bereits Mitte der Fünfzigerjahre angesichts der atomaren Bedrohung gefordert hatte. Anders als die unterhaltsame Simplifizierung des künstlerischen Populismus zwingt Hirschhorn die Besucher also zu visuellen und reflexiven Anstrengungen, die in ex­tremem Ausmass von diesen zu leisten sind.
So weit, so gut - schade nur, dass er dabei auf sein seit Jahren bekanntes Vokabular zurückgreift. «Bewährte Qualität» ist zu sehen, und genau da liegt das Problem der Präsentation: Das Moment des Bewährten verhindert jede Spur von Überraschung. Dadurch vermeidet Hirschhorn eben die Form der «prekären», der für ihn riskanten Produktion, die er doch selbst im Begleitheft zur Ausstellung einfordert.
Raimar Stange ist Kritiker und Kurator in Berlin

Bis 
26.11.2011
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Thomas Hirschhorn 04.06.201127.11.2011 Ausstellung Venezia
Italien
IT
Künstler/innen
Thomas Hirschhorn
Autor/innen
Reinhard Stange

Werbung