Editorial

TITELBILD · Marlene Dumas · Broken White, 2006, Öl auf Leinwand, 130x110 cm, Courtesy Gallery Koyanagi ©ProLitteris. Foto: Peter Cox

TITELBILD · Marlene Dumas · Broken White, 2006, Öl auf Leinwand, 130x110 cm, Courtesy Gallery Koyanagi ©ProLitteris. Foto: Peter Cox

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‹Broken White›: Die auf einem roten Tuch liegende dunkelhaarige Frau scheint tief zu schlafen. Ein wenig Gelb, Rosa, Blau, Grün reichen, um dem Gesicht Leben einzuhauchen und der hellen Haut einen sinnlichen Schimmer zu verleihen. Im Katalog erfahren wir mehr darüber. Marlene Dumas hat das Gemälde nach einer Schwarz-Weiss-Aufnahme des japanischen Fotografen Nobuyoshi Araki gemalt. Diesen charakterisiert sie wie folgt: «Er behandelt den Körper wie eine wundervolle Landschaft, nicht wie eine gefährliche Falle.»
Falle? In einem gewissen Sinne sind alle Bilder von Dumas Fallen. Es sind geistig-sinnliche Fallen, an denen wir haften bleiben und die wir zu ergründen suchen. Auch sie selbst äussert sich immer wieder neu über ihr Schaffen, erklärt beispielsweise, wieso sie nach Fotografien und nicht nach lebenden Modellen malt: Weil sie «die Freiheit des amoralischen Ansatzes» nicht verlieren will, ohne den sie kein gutes Gemälde schaffen kann.
Gutes Gemälde? Ja, denn Dumas führt uns zu den Grundfragen unserer Existenz. Sie lässt Gesichter zu Schädeln kippen und umspielt in ihren Malereien die Grenze zwischen Leben und Tod. Mittelalterliche Ikonenmaler liessen im Gold oder Weiss des Bildgrundes das göttliche Licht aufscheinen, vor dem die Menschen wie eine Trübung wirkten. Bei Dumas ist es umgekehrt. Hier leuchten die Menschen hell. Doch ihr geht es nicht um Transzendenz, sondern um eine verletzliche, endliche Körperlichkeit: «Wenn wir im Himmel ankommen und auf das grosse Weisse Licht treffen – was wird es sein, die Augen der Heiligen oder das Blitzlicht einer Kamera?» Provokativ fragen kann sie, antworten ebenso – als Malerin oft in erschütternder Klarheit.

Autor/innen
Claudia Jolles

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