Andro Wekua — Fleischgewordene Halluzinationen

Andro Wekua · All is Fair in Dreams and War, Kunsthalle Zürich, 2018. Fotos: Annik Wetter

Andro Wekua · All is Fair in Dreams and War, Kunsthalle Zürich, 2018. Fotos: Annik Wetter

Andro Wekua · All is Fair in Dreams and War, Kunsthalle Zürich, 2018. Fotos: Annik Wetter

Andro Wekua · All is Fair in Dreams and War, Kunsthalle Zürich, 2018. Fotos: Annik Wetter

Besprechung

Der georgische Künstler Andro Wekua verbindet in seinen Werken Biografisches mit Fiktionalem und Realistisches mit Symbolischem. In der Kunsthalle Zürich schlägt er jetzt die Brücke zwischen Traum und Krieg. Ein symbolisch überladener Imaginationsraum öffnet sich.

Andro Wekua — Fleischgewordene Halluzinationen

Zürich — Wenn wir sagen, es ist wahr, dass Gregor Samsa – der Protagonist von Franz Kafkas ‹Die Verwandlung› – eines Morgens als Käfer erwachte, dann schreiben wir der Erzählung des Buchs offenbar andere Wahrheitsbedingungen zu als der Welt, in der wir selbst leben. Es ist gerade das Setzen solcher Trennlinien zwischen fiktionalen und nichtfiktionalen narrativen Welten, das Andro Wekua (*1977, Sochumi, Georgien) in seinen Werken thematisiert. Das zeigt sich in seiner aktuellen Solo-Show ‹All is Fair in Dreams and War› in der Kunsthalle Zürich. Wekua liess in den Ausstellungsraum eine vier Meter hohe Wand einbringen, welche die Exponate möglichst von der natürlichen Umgebung abschirmt. Wir sind also gleichzeitig an einem realen Ausstellungsort und in einem Raum, der seine eigene Geschichte aufspannt. Hier gelten keine einheitlichen Gesetze, vielmehr stehen diese immer wieder auf dem Spiel. So etwa bei der Skulptur ‹Untitled›, 2017. Wir sehen eine silberne Kinderfigur, die vor einem übergrossen schwarzen Wolf steht, der diese mit seiner Schnauze am Rücken berührt. Was betrachten wir hier? Den letzten Moment vor dem grossen Fressen? Eine Figur, die von einer albtraumartigen Vorahnung, versinnbildlicht als Wolf, ergriffen wird? Oder eine Allegorie der Unschuld und des Bösen? Ähnliche Fragen drängen sich auch bei anderen Arbeiten auf, etwa bei ‹Untitled›, 2010/2011, einem mit Wachs überzogenen Aluminiumguss, der ein blondes Mädchen zeigt. Sie hat die Augen geschlossen und sitzt auf einem rosafarbenen Stuhl, mitten auf einem freistehenden Sockel. Auf ihrem Schoss liegt ein blaues Gesicht, dessen Augen ebenfalls geschlossen sind. Der symbolisch überladene Imaginationsraum wird zwar durch den Sockel markiert, wirkt aber unmittelbar auf uns ein, da eine unheimlich echt aussehende, lebensgrosse Figur direkt vor uns sitzt. Die Beziehung zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem, welche die Einheit eines Zeichens festlegt, scheint hier permanent ausser Kraft gesetzt. Was wie in welcher Beziehung worauf verweist oder eben nicht, scheint sich ebenso dem Blick zu entziehen wie die Augenfarbe des Mädchens, die in der Fantasie einen Platz haben müsste, aber in Wirklichkeit nicht existiert. Wenn Wekua also seine Schau mit ‹All is Fair in Dreams and War› betitelt, dann ist dieser Titel nicht nur metaphorisch, sondern auch wörtlich zu nehmen. Das öffnet die Möglichkeit, ein zweites Mal durch die Ausstellung zu gehen und nach der Gleichsetzung (Fairness) von Krieg und Traum zu fragen, also die traumartigen Szenen ebenso als Traumata zu lesen wie die gewaltreichen Bilder als fleischgewordene Halluzinationen. 

Bis 
05.08.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Andro Wekua 09.06.201805.08.2018 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Philipp Spillmann
Künstler/innen
Andro Wekua

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