Batia Suter – Ins Bild vernäht auf unterschwellig sinnhafte Weise

Batia Suter, Sole Summary, Centre culturel suisse, 2018. Foto: Roger Willems

Batia Suter, Sole Summary, Centre culturel suisse, 2018. Foto: Roger Willems

Sole Summary, Centre culturel suisse, Paris 2018. Foto: Margot Montigny / CCS

Sole Summary, Centre culturel suisse, Paris 2018. Foto: Margot Montigny / CCS

Fokus

Gleich drei Ausstellungen zeigt die Schweizer Künstlerin derzeit in Paris. Öffnete ihre assoziative Arbeit bisher eine künstlerisch-spielerische Weiterführung des warburgschen ‹Atlas Mnemosyne›, wendet sie sich neuerdings den hypnotisch-halluzinatorischen Dimensionen einer durch Bilder codierten Welt zu – und das mit ästhetisch sensiblem Sinn.

Batia Suter – Ins Bild vernäht auf unterschwellig sinnhafte Weise

Im Centre culturel suisse Paris/CCSP, im Foto-Kunstzentrum Le Bal, in der Gare Montparnasse: Wie ein magisches Dreieck sind die Arbeiten von Batia Suter derzeit in Paris verteilt. Diese Geografie verweist auf ihre Methode. Suter erarbeitet einen geometrischen Strukturalismus der Bilder. Auch wenn man sie gern poetischer Zufälligkeit und einem träumerischen Umgang mit Bildern zuschreibt, gehorcht die Auswahl, die Batia Suter aus ihrer überbordenden Bildersammlung trifft, impliziten Gesetzmässigkeiten. Wurde mit der nichteuklidischen Geometrie klar, dass es keine unmittelbare Verbindung zwischen Naturphänomenen und deren Nachzeichnung gibt, so machen Suters gedruckte fotografische Bilder in ihrer Kombinatorik die Asymmetrie zwischen dem im Bild als abwesende Realität gekennzeichneten Inhalt und der ihm zugeordneten Wirklichkeit deutlich.

Ästhetischer Sinn
Batia Suter, die mit ihren beiden monumentalen Bildwerken ‹Parallel Encyclopedia I und II› zwischen 2007 und 2016 Aufmerksamkeit erregt hat, unterscheidet sich von Zeitgenoss/innen, die sich der Google-Epistemologie hingeben, d. h. kopfloser Zufallskonstellation von Bildern, die Schein-Evidenzen erzeugen, durch ästhetisch-sensiblen Sinn. Im Projekt-Raum des CCSP zeigt sie Objekte aus der Sammlung ihrer vor Kurzem verstorbenen Tante. 1940 geboren, arbeitete diese als Sekretärin an der Mathematischen Fakultät in Zürich – und sammelte Dinge, die durch Suters Bearbeitung nun wie Metonymien eines Lebens erscheinen. Als Pars pro toto steht diese -poetische Trope für den Verweis des Einzelnen aufs Ganze, meint jedoch vor allem das Ins-Bild-Setzen einer Asymmetrie, die Sinn generiert. Die Künstlerin hat Fotografien gedruckt, die Objekte der Sammlung zeigen. Einige davon sind unter einer Glasvitrine auf dem Boden ausgestellt. Andere sind als Bild an der Wand präsent. Das verführt dazu, in ein Analogie-Spiel einzusteigen. Man sucht Ähnlichkeiten, erkennt Verbindungen zwischen fotografischer Repräsentation und realem Objekt, sucht Sinngefüge. Das könnte zum Nachdenken über Sinn- und Bildprozesse führen, dazu einladen, zu begreifen, dass es keinen gradlinigen, direkten Bezug gibt zwischen dem, was ein Bild zeigt, und dem, was darin als Realitätsgehalt erkannt wird. Doch dann gibt es da diesen ästhetischen Effekt: Suters Bilder sind in ihren kombinatorischen Permutationen einfach schön. Das resultiert aus der Komposition von Farben, Grauwerten, Formen. Vor allem entsteht die Schönheit aus der Suggestion von Evidenz, dem Aufrufen einer dem Bild innewohnenden Sinnhaftigkeit.
Ein Beispiel: In der Mitte des kleinen Raums im CCSP hängt das Berner Wappen von der Decke. Anders als üblich steigt der Bär nicht von rechts unten nach links oben den schwarzen Balken hinauf, sondern von links unten nach rechts oben. Damit wird das Wappen – und die Präzision der Operation ist verblüffend – direkt parallel geschaltet mit der hölzernen Treppe, die in eine winzige Kammer führt. Das Rauschen eines dort laufenden Ventilators veranlasst hinaufzusteigen. Am oberen Ende der Stiege dann drei Gemälde, auf die Bilder von Pilzen, Myzelien oder Wilhelm-Busch-Zeichnungen projiziert werden. Das Hinaufkraxeln zu diesen Bildern wird selbst Teil einer Geometrie der Bedeutung, in der die Besucher/innen gewissermassen – ähnlich dem Ausstellungsdreieck in Paris – mit Suters Welt vernäht werden.

Vernähungen, Sutures
Im Film bezeichnet «Vernähung» – auf Französisch heisst es, dem Künstlernamen ähnlich klingend, «suture» – das Verbinden der Zuschauer/innen durch Wiedererkennen und Identifikation mit der Filmhandlung. Und zwar so, dass sie ihre Realität für die der fiktiven Handlung aufgeben. Im starken Sinn der Gabe: Sie geben einen Sinn auf, der dann im fiktiven Geschehen als etwas wiedergefunden wird, das dort gewartet hat. Diese Technik nutzt Suter, wenn sie im Fotokunstzentrum Le Bal in einer scheinbar unendlich laufenden Diaschau im Untergeschoss Bilder aus dem geometrischen Feld «Kreis» ineinanderblendet. Derart semantisiert, scheinen Zelle – Insekt – Pflanze – Nudel– Nest– Schallplatte – Radarschirm usw. miteinander auf bisher ungesehene, unterschwellig sinnhafte Weise verbunden. ‹Radial Grammar›, so der Titel ihrer ersten grossen Einzelausstellung in Frankreich, weist auf eine gradlinige Sprachbeschreibung der Bilder hin – auf den Versuch, nachzuzeichnen, was sich nicht auf vorbestimmte Sinnmuster beziehen lässt, sondern diese erzeugt. Vor allem aber sagen die drei Pariser Ausstellungen, speziell die auf Betonpfeiler aufgebrachten Pflanzenbilder im Bahnhof Montparnasse: Auf Batia Suters Bilder ist Verlass. Gleichwohl bieten sie keine neue Wissensschau, sondern setzen in den Figuren und Tropen ihrer geometrischen Vernähungen etwas frei, das sich vielleicht am besten als Sensibilität für Bildsinn bezeichnen lässt.

J. Emil Sennewald, Kunsthistoriker Paris, Professor für Philosophie an der Kunsthochschule von Clermont-Ferrand, befasst sich aktuell mit dem Augenblick als Weltentwurf. emil@weisswald.com

Bis 
15.07.2018

 ‹Batia Suter, Sole Summary›, Centre culturel suisse Paris, bis 15.7.
‹Natural Grammar›, Installation Gare Paris Montparnasse, bis 15.7.
 ‹Radial Grammar›, Le Bal, bis 26.8.; ‹Radial Grammar›, Roma Publications

Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Centre Culturel Suisse Frankreich Paris
Le Bal Frankreich Paris
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Batia Suter 26.06.201826.08.2018 Ausstellung Paris
Frankreich
FR
Batia Suter 09.06.201815.07.2018 Ausstellung Paris
Frankreich
FR
Autor/innen
J. Emil Sennewald
Künstler/innen
Batia Suter

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