Cortis & Sonderegger — Wiederkehr der Bilder

Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger · Making of «9/11» (von Tom Kaminski, 2001), 2013

Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger · Making of «9/11» (von Tom Kaminski, 2001), 2013

Besprechung

An Illusion waren Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger schon früher interessiert. In ihren Making-ofs berühmter Fotografien gehen sie aber noch weiter und zeigen die Illusion plus die Offenlegung der Illusion in einem: ‹Double Take›. Die Fotostiftung zeigt nachgebaute Ikonen der Geschichte der Fotografie.

Cortis & Sonderegger — Wiederkehr der Bilder

Winterthur — Lauter Blicke hinter die Kulissen. Lauter nachgebauter Augeneindruck. Lauter Stillleben, die zu neuem Leben erweckt werden. Lauter Tableaux vivants der anderen Art. Alles eine einzige, ungeheure Bastelei! Die Täter: Jojakim Cortis (*1978, Aachen) und Adrian Sonderegger (*1980, Bülach), Absolventen der Zürcher Hochschule der Künste, seit 2006 freischaffende Fotografen und Dozenten – ein ebenso detailversessenes wie pfiffiges Zweierteam, dessen Bilder einem nicht mehr so leicht aus dem Kopf gehen. Denn sie zeigen Rekonstruktionen von ikonischen Fotografien aus der fast zweihundertjährigen Geschichte der Fotografie, Bilder, die sich dem kollektiven Gedächtnis eingeprägt haben. 42 solcher nachgebauter Ikonen sind in der Fotostiftung Schweiz zu sehen – von der ersten erhaltenen Fotografie überhaupt, dem Blick aus dem Arbeitszimmer von Joseph Nicéphore Niépce, 1826/27 mit einer Camera obscura aufgenommen, bis zu Andreas Gurskys riesigem, digital entschlacktem ‹Rhein II› von 1999 oder der Aufnahme, die ein unbekannter Tourist in dem Moment gemacht hat, als beim verheerenden Tsunami von 2004 eine Wand aus Meerwasser die Hotelanlage erreicht. Wir blicken erneut ins ‹Tal der Todesschatten› von Roger Fenton, auf den im Geschwindigkeitsrausch verzerrten Rennwagen von Jacques-Henri Lartigue, sehen die Szene aus ‹Nosferatu› mit dem Schatten des Vampirs auf der Treppe, den übers Nasse springenden Mann hinter dem Bahnhof Saint-Lazare von Henri Cartier-Bresson oder wie an den Olympischen Sommerspielen 1968 Tommie Smith und John Carlos die Faust zum «Black Power Salute» erheben. Im Making-of von Cortis & Sonder-egger – mit ‹Making of› beginnt jeder Titel der Serie ‹Icons›, gefolgt vom Titel der nachgebildeten Fotografie – stehen die Sieger des 200-Meter-Laufs aber nicht auf dem Miniaturnachbau des originalen Podests, sondern auf Büchern, unter ihnen Foucaults ‹Sexualität und Wahrheit› und Heideggers Abhandlung ‹Der Ursprung des Kunstwerkes›. Dass Cortis & Sonderegger so vom Vorbild abweichen, ist die Ausnahme. Dass sie ihre ernst gemeinten Parodien ikonischer Fotografien aber immer als «Machwerke», als von Hand geschaffene Illusionen zu erkennen geben, indem sie deren Herstellungsprozess im Atelier offen ins Bild einbeziehen, verleiht den Making-ofs ihre Tiefe. Die oft bemühte «Hinterfragung des Mediums» ist hier, bei der dreidimensionalen Rekonstruktion eines zweidimensionalen Werks, das schliesslich abfotografiert und erneut zur Bildfläche wird, kein leerer Begriff.

Bis 
09.09.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger. Double Take 02.06.201809.09.2018 Ausstellung Winterthur
Schweiz
CH
Künstler/innen
Cortis&Sonderegger
Autor/innen
Angelika Maass

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