Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger — Eine Zeitreise

Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger · Too Early to Panic, 2018, Ausstellungsansicht Museum Tinguely. Foto: Gina Folly

Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger · Too Early to Panic, 2018, Ausstellungsansicht Museum Tinguely. 
Foto: Gina Folly

Besprechung

Nur keine Panik – Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger laden zur Reise durch Raum und Zeit. Die heiter nachdenkliche Ausstellung zeigt den künstlerischen Kosmos als Laboratorium des -Lebens. Zugleich ist sie Rückblick und Standortbestimmung -eines gemeinsamen schöpferischen Wegs von 25 Jahren.

Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger — Eine Zeitreise

Basel — Konzipiert als Labyrinth lässt sich die Schau auf verschiedenen Wegen entdecken. Schon der Zugang durch eine von drei Türen, Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft, ermöglicht unterschiedliche Annäherungen. Jeder neue Raum eröffnet spezifische Aspekte, und interaktive Installationen binden das Publikum ins lebensnahe Gesamtkunstwerk ein. Die Spuren der Vergangenheit führen durch ein altes Gartenhäuschen in eine dunkle Schatzkammer. Hier sind frühe Arbeiten des Künstlerduos betont museal in Szene gesetzt. Alles wirkt kostbar und geheimnisvoll, wie verzaubert. Mysteriöse Kleinodien liegen auf stoffbezogenen Konsolen. Sie entpuppen sich als unscheinbare Objekte, die durch Korrosions- und Schrumpfungsvorgänge Verwandlung erfahren haben. Wie auf einem fremden Planeten führen fragile Gewächse unter einer Glasglocke ein Eigenleben, während die Sammlung vielgestaltiger Samen, als potenzieller Träger von Leben, einen ganzen Urwald entstehen lassen könnten. Der Blick zurück auf die Anfänge zeigt, dass die Metamorphose durch Wachstums- und Zerfallsprozesse schon früh ein Grundtenor ihres künstlerischen Schaffens war. Die Gegenwart beginnt im ‹Institut de Beauté›. Humorvoll und mit unterschwelliger Ironie wird die Passion für gestylte Körper und perfektes Aussehen der heutigen Gesellschaft thematisiert: Fingernägel verselbständigen sich zu bizarren Formen, und per Schluckimpfung kann ein Schönheitsvirus eingepflanzt werden. Stressgeplagten hilft Augengymnastik und Meditation unter einem Meteoriten. Die Schattenseiten von Hektik und Selbstoptimierung finden sich im Labor der Tränen. Hier wird das Körpersekret gesammelt und kann unter dem Mikroskop betrachtet werden. Das scheinbar so unspektakuläre Nass tritt in wundersamen Gebilden in Erscheinung. Chaotisch ist die Zukunft – ein Wald aus verschlungenen Lianen, Pflanzen, schrillbunten Kristallen und künstlichen Blumen. Über mehrere Wochen hinweg wurde dieser schillernde Hain von den Kunstschaffenden zum Wachsen gebracht und er verändert sich weiter. Die Vegetation wird durch Besucher an einer Fitnessmaschine in Schwingung versetzt. Durch die Belebung beginnen Äste zu rascheln und versteinerte Kühltruhen zu tönen. Der Klang oszilliert zwischen Vogelgezwitscher, Hühnergackern, landschaftlicher Idylle und Tierschreien, die ein Schlachtenszenario evozieren. Was so leichtfüssig und betörend daherkommt wie dieser Garten Eden, ist doch von abgründiger Natur. Sinnlicher Rausch und künstlerisches Spektakel tragen den Keim der Endlichkeit in sich – dazwischen liegt nur ein Atemzug.

Bis 
23.09.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Too early to panic. Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger 06.06.201823.09.2018 Ausstellung Basel
Schweiz
CH
Autor/innen
Iris Kretzschmar
Künstler/innen
Steiner/Lenzlinger

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