Harald Szeemann — Reinszeniert und neu belichtet

Étienne Szeemanns Dauerwellenmaschine, ca. 1925–29, Installationsansicht ‹Grossvater: Ein Pionier wie wir›, Galerie Toni Gerber, Bern, 1974 © ProLitteris. Foto: Balthasar Burkhard © J. Paul Getty Trust

Étienne Szeemanns Dauerwellenmaschine, ca. 1925–29, Installationsansicht ‹Grossvater: Ein Pionier wie wir›, Galerie Toni Gerber, Bern, 1974 © ProLitteris. Foto: Balthasar Burkhard © J. Paul Getty Trust

Skulpturale Umsetzung der Hinrichtungsmaschine aus Franz Kafkas ‹In der Strafkolonie›, 1975 von Szeemann entworfen, Installationsansicht ‹Harald Szeemann: Museum der Obsessionen›, Kunsthalle Bern, 2018 © ProLitteris. Foto: Gunnar Meier

Skulpturale Umsetzung der Hinrichtungsmaschine aus Franz Kafkas ‹In der Strafkolonie›, 1975 von Szeemann entworfen, Installationsansicht ‹Harald Szeemann: Museum der Obsessionen›, Kunsthalle Bern, 2018 © ProLitteris. Foto: Gunnar Meier

Besprechung

Sein ‹Museum der Obsessionen› bezeichnete er als Museum, das nie Wirklichkeit werden könne. Im Harald-Szeemann-Archiv, aus dem die danach benannte Wanderausstellung über den berühmten Ausstellungsmacher schöpft, sehen die Kuratierenden das materielle Gegenstück des utopischen Gebildes.

Harald Szeemann — Reinszeniert und neu belichtet

Bern — Der erneute grosse Auftritt Harald Szeemanns (1933–2005) beginnt mit -einem Panorama seiner achteinhalb Jahre an der Berner Kunsthalle ab 1961. Plakate zeugen von einigen seiner mehr als fünfzig hier ausgerichteten Ausstellungen, darunter Überblicksschauen zur kinetischen Kunst, zur ‹Bildnerei der Geisteskranken› sowie Einzel- und Gruppenausstellungen unter anderem mit Werken der historischen Moderne und zahlreicher zeitgenössischer US-amerikanischer Künstler. Viele der hier sichtbaren Themen griff er im Lauf seiner Karriere immer wieder auf. Skizzen, Briefe und Fotos illustrieren sein durch enge Beziehungen zu Kunstschaffenden geprägtes Arbeiten. James Lee Byars (1932–1997) etwa war über drei Jahrzehnte hinweg immer wieder in Projekte involviert und sandte dem Kurator hunderte Mail-Art-Werke zu. Einer der Umschläge enthält den auf Goldfolien gestempelten Kosenamen «Harry», nachdem der Künstler circa drei Jahre zuvor in einer Performance an der documenta 5 deutsche Namen durch ein goldenes Megafon gerufen hatte. In für die Kunsthalle ungewohnt musealem Setting präsentiert sich ein Bruchteil aus dem vom Getty Research Institute in Los Angeles erworbenen Archiv Harald Szeemanns, ergänzt durch Leihgaben von Kunstwerken und Modellen. Einblicke in die Konzeption und Organisation von ‹When Attitudes Become Form›, 1969, erfolgen anhand der Titelsuche, von Plakatentwürfen mit Anspielungen auf den Sponsor Philip Morris und Adresslisten für Besuche in New York und Kalifor-nien. Nach seinem Weggang nahm Szeemann seinen Archivanteil bis auf einige wenige Kisten mit in sein Forschungsarchiv in der «Fabbrica Rosa» in Tegna im Tessin. Die Ausstellung schliesst somit vorübergehend eine Lücke im Kunsthallenarchiv. Darüber hinaus werden auch Zeugnisse von Szeemanns Wirken nach seiner Festanstellung an der Kunsthalle und der Rückkehr in seine einstige Wohnung gebracht. Ein Spaziergang über die Kirchenfeldbrücke zur Gerechtigkeitsgasse 74 ermöglicht eine Zeitreise ins Jahr 1974. Die zunächst unscheinbar und etwas aus der Zeit gefallen wirkende Wohnung im dritten Stock entpuppt sich als minutiös arrangierte (Re-)Inszenierung. Szeemann verbrachte dazumal zwei Monate damit, den richtigen Platz für jeden einzelnen von rund 1200 Gegenständen zu finden. Es handelt sich um Erbstücke seines Grossvaters Étienne Szeemann (1873–1971), dessen Geschichte vom ungarischen Einwanderer und erfinderischen, international tätigen Coiffeur und Perückenmacher er anhand von Reisedokumenten, Kämmen, ausgefallenen Perücken und einem ausgestopften Chihuahua erzählt. Ein grosser Teil der Objekte ist im Archiv enthalten, andere wurden mit viel Aufwand aufgetrieben. Wo dies nicht gelungen ist, hat ein Bühnenbildner nachgeholfen. Ganz à la Hollywood ist in dieser Nachstellung keine Lücke auszumachen, anders als in jener von ‹When Attitudes Become Form› 2013 in Venedig. Dieses Mal handelt es sich bei den Requisiten auch nicht um Kunstwerke, sondern um Alltagsobjekte. ‹Grossvater: Ein Pionier wie wir› folgte auf die documenta 5. Sie treibt die an dieser geäusserten Kritik des Künstlers Daniel Buren (*1938, Paris), Ausstellungen würden immer mehr sich selbst ausstellen und Kunstwerke als Farbtupfer eines Bildes instrumentalisieren, auf die Spitze und führt sie zugleich ad absurdum. Diese Ausstellung kommt ganz ohne Kunstwerke aus. Tatsächlich geht es weniger darum, den Gegenständen einen Status als Kunstobjekt zuzuweisen, auch wenn in der Präsentation und Objektauswahl künstlerische Anspielungen auf den Surrealismus und auf Reliquien auszumachen sind. Im Vordergrund steht – schon damals und heute noch offensichtlicher – die bühnenhafte Inszenierung bis ins kleinste Detail. Eine vom Coiffeur Étienne Szeemann entwickelte Dauerwellenmaschine erscheint im Gegenlicht durchs Fenster skulptural. Ihre herunterhängenden Lockenwickler muten unheimlich an, erst recht mit dem Wissen, dass die Anwendung eine ziemliche Tortur für alle Beteiligten gewesen sein soll. Zurück in der Kunsthalle sticht die Ähnlichkeit hervor mit der skulpturalen Umsetzung der ‹Hinrichtungsmaschine› aus Franz Kafkas ‹In der Strafkolonie›, angefertigt für die Ausstellung ‹Junggesellenmaschinen› im Jahr 1975. Die Darstellung der Ausstellungen der Zeit als unabhängiger Kurator nach der Gründung seiner «Agentur für geistige Gastarbeit» greift zurück auf Archivalien und Kunstwerke, die seine Interessen für Anarchismus, Lebensreformbewegungen und als «geisteskrank» abgestempelte Personen verdeutlichen. «Eine 1:1-Rekonstitution der Wohnung hätte nicht genügt, nur gegliedert kann heute Grossvaters eigene Ordnung gezeigt werden», schrieb Harald Szeemann. Vergleichbar gehen die Kuratierenden der aktuellen Ausstellung vor. Die Strukturierung offenbart ein dichtes Netzwerk von Bezügen in und zwischen einzelnen Ausstellungen, von Interessenschwerpunkten und Szeemann als Prototyp des global tätigen Autor-Kurators. Wie einst sein Grossvater wird er anhand von ausgewählten Objekten mit Schwerpunkt auf seinem beruflichen Schaffen porträtiert. Trotz neuer Schattierungen und weniger kritischer Schlaglichter verfestigt sich dabei das Bild von Szeemann als Star. 

Bis 
02.09.2018

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