Jan Jedlicka — Von Horizont zu Horizont

Heliogravur (200 m), 2016, Heliogravur auf Arches 400 g/m2, 80 x 80 cm

Heliogravur (200 m), 2016, Heliogravur auf Arches 400 g/m2, 80 x 80 cm

Heliogravur (200 m), 2017, Heliogravur auf Arches 400 g/m2, 80 x 80 cm

Heliogravur (200 m), 2017, Heliogravur auf Arches 400 g/m2, 80 x 80 cm

Heliogravur (200 m), 2017, Heliogravur auf Arches 400 g/m2, 80 x 80 cm

Heliogravur (200 m), 2017, Heliogravur auf Arches 400 g/m2, 80 x 80 cm

Praha, Horizonte, 2018, Pigmente auf Japanpapier auf Leinwand, 43 x 43 cm

Praha, Horizonte, 2018, Pigmente auf Japanpapier auf Leinwand, 43 x 43 cm

Maremma, Orizzonti, grün, 2017, Pigmente auf Japanpapier auf Leinwand, 42 x 42 cm

Maremma, Orizzonti, grün, 2017, Pigmente auf Japanpapier auf Leinwand, 42 x 42 cm

Jan Jedlicka 

Jan Jedlicka 

Fokus

Jan Jedlicka schafft nicht nur in seinen Gemälden, sondern auch in seinen in analoger und grafischer Technik umgesetzten Fotoarbeiten Werke unendlich reicher Texturen und Nuancen. Um ein kleines Strandstück kreisend, können sie zum Dokument der Einzigartigkeit der Dinge, aber auch ihrer Vergänglichkeit werden.

Jan Jedlicka — Von Horizont zu Horizont

Der tschechische Künstler Jan Jedlicka (*1944) trägt wie alle jahrelang Exilierten viel Geschichte mit sich herum. Bereits während seines Studiums 1962–1968 an der Akademie der Bildenden Künste Prag brachte ihn die Beschattung der Kunststudierenden dazu, sich der Konservierung/Restaurierung zuzuwenden. Nach dem Scheitern des Prager Frühlings floh er zu Freunden in die Schweiz, wo er von 1980 bis 2007 das Kunst- und Restaurierungsatelier im Kunstmuseum Winterthur leitete. Parallel wandelte sich seine künstlerische Sprache. Er liess den Prager Fantastischen Realismus – eine künstlerische Sprache, geprägt durch das Trauma des Kriegs und eine diffuse Zukunftsvision – hinter sich und wandte sich der italienischen Avantgarde (Futurismo, Movimento spaziale, Arte Povera) zu. Von dieser angeregt begann er sich bereits Mitte der Siebzigerjahre auf eine eigenwillige, neuartige Weise mit dem klassischen Thema der Landschaft zu befassen.

Poetische Streifzüge
Dabei entdeckte Jedlicka 1978 die Maremmen, die ihn – wenn auch nicht ohne Schwermut – an das geheimnisvolle Flachland seiner Heimat erinnerten. Bald zog er sich, wann immer ihn keine Restaurierungskampagne in Atem hielt, in ein verlassenes Haus inmitten des Sumpfgebiets zurück. Fasziniert von den sich saisonal wie auch über die Jahre hinweg verändernden Landstücken und Wasseradern, erkundete er diese bei verschiedensten Wetterverhältnissen und Lichteinwirkungen immer wieder neu. Obschon er sich zuweilen auch anderen, meist ebenen Landschaften näherte – im angelsächsischen Raum etwa oder seit dem Fallen des Eisernen Vorhangs auch um Prag herum –, sind die Maremmen, die jeden Frühling vom Apennin her von mehr Wasser und Geschiebe überrollt werden, als das Tyrrhenische Meer schlucken kann, nach wie vor sein bevorzugter Ort, wo er sein Werk entwickelt.

Klangteppiche
Bei seinem neuesten Auftritt – es ist die zweite Soloschau in der Galerie Wenger in Zürich – schwingt Jedlicka nun zwischen zwei unterschiedlich gewichteten Bezugspunkten hin und her. Einerseits ist eine neue Serie seiner konzeptuellen, in einem langen Prozess von 1976 bis1990 entwickelten Sedimentationsgemälde ausgestellt. Diese kommen einer buchstäblichen «Tour d’Horizon» aller bisher ausgeloteten Landschaften gleich. Wie üblich grundierte der Künstler dafür die mit Japanpapier belegte Leinwand erst mit einer bei trockenem Wetter vorherrschenden Mischfarbe des Bodens. Darauf liess er dann verschiedene, aus diesem gewonnene, nach Regengüssen da und dort oft aufleuchtende Pigmente, gebunden mit Wasser und Gummi arabicum, einsickern. Die in ihrer scheinbaren Monochromie äusserst differenzierten Setzungen gab er in von unten nach oben geschichteten horizontalen Blickfeldern wieder, wie sie sich in flachen Gegenden in einem steten Fluss zwar immer wieder extrem ähnlich, aber doch nie exakt gleich ausnehmen. Durch die Simultaneität von schrittweise Entdecktem und Erfahrenem evozieren die Gemälde einen symphonischen Klang für jede der untersuchten Landschaften. Die Ausstellung stellt zugleich die auch als Buch veröffentlichte Fotorecherche in den Maremmen vor, die Jedlicka 2016–2017 konzentriert auf einen Küstenabschnitt von nur 200 Metern führte. Obschon die Bilder von Spuren von Naturgewalt und Zivilisationsbemühungen oft dramatisch durchsetzt sind, gerinnen sie beim Durchblättern der Publikation zu einem tröstlichen Vier-Jahreszeiten-Kreis. So treten darin die räumlich bestechenden Lithografien der farbig entwickelten 400-Asa-Schwarz-Weiss-Aufnahmen streng narrativ auf, vom Setzen von Pfählen im Vorfrühling bis zum Blick auf die Spuren von Pneus und Schuhen von Passanten im Sand ein Jahr später.

Chronik des Beginns des Anthropozäns
In den grossformatigeren Heliogravuren werden Fotografien in einer selten nuancierten und texturierten Oberfläche aufgebrochen, in der sich der Blick wie in -einem All-over-Gemälde verliert. Gleichzeitig erwacht das Bewusstsein für die Einzigartigkeit und Vergänglichkeit des festgehaltenen Sekundenbruchteils. Jedlicka hat, seit er sich in den Maremmen aufhält, eine exponentielle Beschleunigung der jährlichen Umwälzungen erfahren. Dabei wandelte sich die Erdbildung aus komplexen Gründen – zunehmende Verdunstung und Versalzung des Mittelmeers, Übernutzung des Grundwassers – in eine schnelle Verwüstung. Den Vegetationsrückgang an den Stränden dokumentieren eindrücklich zwei nebeneinander gehängte Bilder des gleichen Fleckens im Jahresabstand. Die Schnappschüsse einer Sandburg und eines Strandhauses, deren geometrische Formen in der Konstellation von Wolken, Wellen, Dünen, Schatten und Licht wiederkehren, gerinnen in diesem Kontext zu Symbolen des Eingriffs des Menschen in die Natur. Es gibt kein Entrinnen mehr aus der Geschichte. So mögen auch die Pneus und Fussspuren im Sand als Schlussbild in Katalog und Ausstellung vom Wind längst verweht sein. Der ökologische Fussabdruck wird bleiben.

Katharina Holderegger, Kunsthistorikerin, Kritikerin, Kuratorin, lebt mit ihrer Familie in Gland VD. kholderegger@hotmail.com

Bis 
21.07.2018

Jan Jedlicka (*1944) lebt in Zürich, Prag und Grosseto

1962–1968 Akademie der Bildenden Künste Prag
1997 Atelieraufenthalt Landis & Gyr, London

Einzelausstellungen (Auswahl)
2015 Galerie Wenger, Zürich, Eva Safrankova, Prag
2013 Museo d’Arte e Archeologia, Grosseto
2007 Centro Arte Moderna e contemporanea, La Spezia, Moravian gallery, Brno
2004 Josef Albers Museum Quadrat, Bottrop, DE; Elisabeth Kaufmann Galerie, Zürich
2003 The University of Brighton Gallery, Brighton
2000 Semina rerum – Irène Preiswerk, Zürich
1998 Kunstmuseum Winterthur, Winterthur
1997 Prager Burg, Prag; semina rerum – Irène Preiswerk, Zürich
1996 Scalo, Zürich; semina rerum – Irène Preiswerk, Zürich
1995 Kunstverein Freiburg, Freiburg i. B.
1994 National Gallery, Kinsky Palast, Prag
1992 Kunsthalle Winterthur, Winterthur
1990 Galerie Kneubühler + Hufschmid, Zürich; Folio, Zürich
1987 Lippische Gesellschaft für Kunst, Schloss Detmold
1986 Museum Bochum, Bochum
1985 Kunstmuseum Winterthur, Winterthur

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Jan Jedlicka 26.05.201821.07.2018 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Katharina Holderegger Rossier
Künstler/innen
Jan Jedlicka

Werbung