Kunstklima — Brüssel

Café La Ruche, am Sonntagmorgen und während des Ramadan beinahe leer
 

Café La Ruche, am Sonntagmorgen und während des Ramadan beinahe leer

 

Fokus

Bedingt durch die in Brüssel situierten EU-Institutionen wohnen hier viele Expats, Beamte und Lobbyisten multinationaler Grosskonzerne, deren Vertreter/innen sich im EU-Viertel aufhalten und mit dem Rest der Stadt keinen Kontakt haben. Zugleich ist Brüssel kulturell sehr durchmischt.

Kunstklima — Brüssel

Die kulturelle Vielfalt war und ist für mich enorm interessant. Sie vermittelt ein fremdes, sehr anregendes Stadtgefühl, das ich nach meinem Erasmusjahr 2016 auf keinen Fall missen wollte. Verschiedene Kulturen prägen auch meinen Lieblingsort, das Café La Ruche. Es befindet sich an einer stark befahrenen Kreuzung in einem belgischen Jugendstilhaus und ist verziert mit Wand- und Hinterglasmalereien. Auf einem Gestell seitlich der Tische steht eingerahmt die Königsfamilie. In diesem Café trinkt man «Thé à la menthe» und isst dazu eine «Crêpe marocaine». Die ehemals belgische Bar wird nun marokkanisch geführt und sie ist alkoholfrei. Von der Terrasse aus, die an Werktagen meist nur von Männern besucht wird, hat man beste Übersicht auf die Promenade Rosa Luxemburg und das Hotel Stalingrad (ebenfalls marokkanisch geführt), die Eisenbahnbrücke und verschiedene Wandmalereien von Streetartkünstler⁄innen und Bande-dessinée (das sind frankobelgische Comics)-Zeichnern. 

Romantik mit Kehrseiten
Brüssel ist als EU-Hauptstadt nur wenig grösser als Zürich. Die meisten Stadtteile sind mit dem Velo erreichbar und auch die Kunstszene ist überschaubar, zugleich sehr anregend und vernetzt. Man bedenke, die Städte London, Paris und Amsterdam sind mit dem Zug in eineinhalb Stunden erreichbar. Viele hier lebende europäische Kunstschaffende stehen in ständigem Kontakt mit ihren Herkunftsländern. Brüssel ist im Vergleich zu den genannten Grossstädten noch bezahlbar und hier haben sich viele neue, aber auch etablierte Galerien niedergelassen. Ich schätze vor allem die spontane, vielleicht ein bisschen naive und verträumte Stimmung in der Stadt. Man kann noch improvisieren! Viele Künstler/innen wohnen in den an das Zentrum angrenzenden Stadtgemeinden wie Molenbeek oder Anderlecht. Besonders in Quartieren entlang des Kanals gibt es noch Freiräume, Brachen, verlassene Industriegebäude, die als Atelier oder Wohnheim umgenutzt oder besetzt werden. Eines dieser Quartiere, Cureghem, ist bekannt für seine vor allem marokkanischen und kongolesischen Einflüsse. In einigen Strassen wird fast nur arabisch gesprochen und die köstlichsten Spezialitäten werden angeboten: Humus, Mezzes, Baba Ghanoush, Fladenbrot und am offenen Feuer gebratene Halal-Spiesse, immer kombiniert mit den belgischen Frites. Die Romantik hat aber auch eine Kehrseite. Besonders im Winter ist die Stadt feucht und grau, eine melancholische und schwerfällige Stimmung herrscht. Alles ist sehr unorganisiert, der Verkehr chaotisch, die Strassen schmutzig und man spürt den Feinstaub in der Luft. Insofern beschränkt sich das Joggen auf die wenigen Stadtparks. Überall findet man hier Abfall oder Reste eines Umzugs, und wenn ich am Kanal entlanglaufe, denke ich an die saubere Limmat in Zürich, in der man ganz selbstverständlich badet. Brüssel hat einige wichtige Kunstinstitutionen. Das Wiels zeigt internationale zeitgenössische Kunst und organisiert Förderprogramme für Kunstschaffende in Form von Gastateliers oder Workshops. Das Bozar ist das grosse Museum mit einer Sammlung für moderne und zeitgenössische Kunst. Neben umfassenden Ausstellungen etablierter Positionen werden hier aber auch diverse interessante Vorträge, Performances und Videoabende in kleinerem Rahmen angeboten. Das Etablissement d’en Face und La Loge sind diesbezüglich zwei sehr aktive Offspaces. In Brüssel gibt es viele Kunstorte, die von Kunstschaffenden organisiert werden, oft existieren sie aber nur temporär und meistens müssen sie fast ohne Budget auskommen – Probleme, die wohl überall vorhanden sind.

Andriu Deplazes (*1993) lebt seit 2015 in Brüssel. 2016 hat er die ZHdK mit einem Bachelor abgeschlossen.

Kunstklima: Schweizer Kunstschaffende erzählen von Städten, die zum Zweitwohnsitz wurden.

 Mark Lungley, London, 6.7.–5.8.
 Kunstverein Friedrichshafen: 15.9.–11.11.

 
 
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Autor/innen
Andriu Deplazes

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