Maria Lassnig — Zwiegespräche und Be-Ziehungen

Maria Lassnig · Blau gekreuzte Figur, 1961, Kunst Museum Winterthur, Maria Lassnig Stiftung, Installationsansicht Kunstmuseum St. Gallen. Foto: Mark Mosman

Maria Lassnig · Blau gekreuzte Figur, 1961, Kunst Museum Winterthur, Maria Lassnig Stiftung, Installationsansicht Kunstmuseum St. Gallen. Foto: Mark Mosman

Besprechung

Die österreichische Künstlerin Maria Lassnig hat die Wahrnehmung der Malerei erweitert und in ihrem Körperinnern die dafür nötigen Sensoren aktiviert. Sie legte die Beschränkung sehenden Erkennens bloss. Was wie Science-Fiction anmutet, ist die Zusammenführung der Partikel menschlicher Wahrnehmung.

Maria Lassnig — Zwiegespräche und Be-Ziehungen

Basel und St. Gallen — Gleichzeitig können von Maria Lassnig (1919–2014) Zeichnungen und Aquarelle im Kunstmuseum Basel als Retrospektive und eine durchdachte Auswahl ihrer Malerei im Kunstmuseum St. Gallen besucht werden. Gern wird im Nachhinein die Vorreiterrolle der mit grosser Verspätung international geehrten österreichischen Künstlerin thematisiert und Namen anderer Künstler und Künstlerinnen zur schlaglichtartigen Verortung herangezogen. Doch zeigen die aktuellen Präsentationen, dass Lassnig lebenslang nicht nur eine Einzelgängerin, sondern vor allem auch eine geradezu obsessiv Suchende in einer höchst individuell angegangenen Wahrnehmungsforschung war. Sie verband wissenschaftliche Neulanderkundung mit malerischen Regelbrüchen und gelenkten Herausforderungen des retinalen Netzwerks. Ihr Werkzeug war ein Handeln aus dem eigenen Körperinneren heraus, der realsten Realität jenseits antrainierter Sichtweisen auf die Welt. Mit erst 26 Jahren fertigte die zur Nazi-Zeit in der tiefsten österreichischen Provinz aufgewachsene Lassnig ein verblüffend vielschichtiges, zwitterhaft aufgeladenes Selbstporträt, auf dem sich die junge Frau nicht auf ihr Gesicht beschränkte, sondern auch ihren Oberkörper bis zur Taille mit nackten Brüsten malte. Die Beckenregion ist mit zarten, mehrdeutig interpretierbaren Bleistiftstrichen angetönt. Während der rechte Arm als erkennbares Gliedmass dargestellt ist, splittert sich der linke fächerartig in gelenkflüssigkeitsartige Farbströme auf, die an ins Leere verlaufende, am Ende zangenartig sich teilende Knochen erinnern. Zwischen ihnen und unter der Achsel scheint ein schlafendes, verkleinert wiedergegebenes Wesen sich treiben zu lassen. ‹Zwiegespräche› heisst die Basler Ausstellung, in der auch zwei Filme von Lassnig gezeigt werden. Körperbewusst nach aussen orientiert ist Lassnigs Zwiesprache, die auf einer duldsam erarbeiteten, im Wechsel der Druckintensitäten wahrgenommenen, innenarchitektonischen Wahrnehmungsempfindsamkeit basiert. ‹Be-Ziehungen› wird in St. Gallen nachgespürt. Lassnig hat ihre in sukzessiver und meditativer Entwicklung von tradierten Inhalten befreiten Wahrnehmungsformeln durch alle jeweils aktuellen Kunstströmungen fliessen lassen: seien es Kubismus, Surrealismus, Informel, Tachismus, Abstrakter Expressionismus oder Body Art. Kreisende Überlagerungen eckiger Formen generieren langgezogene Rundungen. Beziehungen sind Balanceakte, in denen einzelne Bausteine als malerische Versatzstücke in einem neuartigen ABC vernetzt werden.

‹Maria Lassnig – Zwiegespräche›, Kunstmuseum Basel, 26.8.
‹Maria Lassnig – Be-Ziehungen›, Kunstmuseum St. Gallen, bis 23.9.

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Maria Lassnig - Zwiegespräche 12.05.201826.08.2018 Ausstellung Basel
Schweiz
CH
Maria Lassnig 05.05.201823.09.2018 Ausstellung St. Gallen
Schweiz
CH
Autor/innen
Sabine Arlitt
Künstler/innen
Maria Lassnig

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