Mirko Baselgia — Pardis (Curzoin)

Mirko Baslegia · Pardis (Curzoin), Abteikirche Bellelay. Foto: Daniel Müller

Mirko Baslegia · Pardis (Curzoin), Abteikirche Bellelay. Foto: Daniel Müller

Besprechung

Mirko Baselgia hat sich von der Barockarchitektur der Abteikirche Bellelay zu einer Reflexion über das Paradies anregen lassen. Entstanden ist eine kluge, dreiteilige Installation, die das menschliche Streben nach dem Idealen und die ebenso menschliche Zerstörungswut thematisiert.

Mirko Baselgia — Pardis (Curzoin)

Bellelay — «Der lange Weg, der vor uns liegt, führt Schritt für Schritt ins Paradies», sang die deutsche Rockband Ton Steine Scherben 1972. Schritt für Schritt ins Paradies, auf diesem Weg glaubten sich auch die zahllosen europäischen Siedler, die im 19. Jahrhundert den nordamerikanischen Kontinent einnahmen. Und die, damit der Weg in und durchs gelobte Land ein wenig bequemer würde, Eisenbahnlinien in die Landschaften bauten, die bis dahin noch weitgehend naturbelassen waren. Mit dieser Inbesitznahme des Paradieses begann seine Zerstörung. Mirko Baselgia (*1982) greift diese Geschichte auf und baut das US-amerikanische Schienennetz, so wie es auf der Landkarte von ‹Rand, McNally & Co› aus dem Jahr 1873 eingezeichnet ist, nach. Durch das Schiff der Abteikirche zieht sich ein Netz aus feinen Holzschienen, die in 22 cm Höhe über dem Boden zu schweben scheinen und so eine geheimnisvolle labyrinthische Struktur in den Raum weben, die im Eingangsbereich, dem «Wilden Westen», weitmaschig erscheint und sich zum Chor im Osten hin verdichtet. Das Schienennetz bildet den ersten Akt der dreiteiligen Installation ‹Pardis (Cur-zoin)›, in welcher der Bündner Künstler Baselgia das Paradies-Thema durchdenkt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der ambivalenten Haltung des Menschen der Paradies-Idee gegenüber, zwischen Sehnsucht und einem Perfektionierungsdrang, der in der Destruktion endet. Eine besondere Raffinesse des ersten Teils der Arbeit liegt darin, dass Baselgia das zerstörerische Schienennetz aus wohlduftendem Arvenholz baut, dessen ätherischen Ölen heilende Kräfte nachgesagt werden. Im Chor legt Baselgia einen Garten an, ein Paradies im klassischen Sinne also, das allerdings durch die Schule der totalen Ökonomisierung gegangen ist. Die Pflanzen wachsen auf Tischen mit Substratbeeten, von Natriumlampen besonnt. Was Baselgia hier im kleinen Rahmen anlegt, ist beispielsweise im Tomatenanbau längst Standard. Ungewöhnlich allerdings ist, dass Baselgia in diesem künstlichen Paradies ausschliesslich Samen von Früchten verwendet, die durch seinen Verdauungstrakt gegangen sind und die somit einen der ursprünglichsten Verbreitungswege der Natur hinter sich haben. In der Apsis schliesslich präsentiert Baselgia die thematisch düsterste Paradies-Interpretation: Aus afrikanischen Edelhölzern geschnitzte Panzer von Meeresschildkröten (die meisten vom Aussterben bedroht) stehen für die zahllosen Menschen, die über das Mittelmeer nach Europa fliehen – auf der Suche nach einem Paradies.

Bis 
09.09.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Mirko Baselgia 02.06.201809.09.2018 Ausstellung Bellelay
Schweiz
CH
Künstler/innen
Mirko Baselgia
Autor/innen
Alice Henkes

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