Neuer Norden Zürich — Sensationen des Gewöhnlichen

Christine & Irene Hohenbüchler · … Flieg, Vogel, flieg …, 2014/2018, sieben Holzhütten, mit dem Jungen Literaturlabor JULL, Zürich, Schule Buhnrain, Courtesy Galerie Martin Janda, Wien © ProLitteris

Christine & Irene Hohenbüchler · … Flieg, Vogel, flieg …, 2014/2018, sieben Holzhütten, mit dem Jungen Literaturlabor JULL, Zürich, Schule Buhnrain, Courtesy Galerie Martin Janda, Wien © ProLitteris

Jules Spinatsch · Schwamendingen 1992, Langzeitreportage über ein Aussenquartier der Stadt Zürich, Oktober 1991 bis Dezember 1992, 44 Baryt-Fotoprints, Wirtschaft Ziegelhütte. Alle Fotos: Pierluigi Macor

Jules Spinatsch · Schwamendingen 1992, Langzeitreportage über ein Aussenquartier der Stadt Zürich, Oktober 1991 bis Dezember 1992, 44 Baryt-Fotoprints, Wirtschaft Ziegelhütte. Alle Fotos: Pierluigi Macor

Nic Hess · Ladenschluss, 2018, gebrauchte Fensterläden, Wiesenstück zwischen Bahnhof Stettbach und Sagentobelbach, unterstützt von IG Pro Zürich 12, Courtesy Grieder Contemporary, Zürich

Nic Hess · Ladenschluss, 2018, gebrauchte Fensterläden, Wiesenstück zwischen Bahnhof Stettbach und Sagentobelbach, unterstützt von IG Pro Zürich 12, Courtesy Grieder Contemporary, Zürich

Lawrence Weiner · Bonded to the Point of Underneath (Verbunden bis zum Punkt von unterhalb),2018, Wandmalerei, Acryl auf Beton, Unterführung Saatlenstrasse, Courtesy Mai 36 Galerie, Zürich

Lawrence Weiner · Bonded to the Point of Underneath (Verbunden bis zum Punkt von unterhalb),
2018, Wandmalerei, Acryl auf Beton, Unterführung Saatlenstrasse, Courtesy Mai 36 Galerie, Zürich

Fokus

Bis Anfang September ist in Schwamendingen, Oerlikon und Seebach die Ausstellung ‹Neuer Norden Zürich› zu sehen, die auf Initiative der Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum entstand. Rund 30 Kunstschaffende erforschen die baulichen und gesellschaftlichen Veränderungen der Quartiere.

Neuer Norden Zürich — Sensationen des Gewöhnlichen

Mit dem Tram 7 komme ich am Schwamendingerplatz an. Gleich bin ich mit Christoph Doswald, dem Kurator der diesjährigen Ausstellung ‹Neuer Norden Zürich›, in der Ziegelhütte verabredet. Obwohl die Wirtschaft in unmittelbarer Nähe liegt, werfe ich sicherheitshalber einen Blick auf Google Maps. Ich kann mich kaum daran erinnern, das letzte Mal in dieser Gegend gewesen zu sein. Mit der Karte im Augenwinkel schlendere ich die Hüttenkopfstrasse hinauf, vorbei an den Bauernhöfen, die einst das Ortsbild prägten. Oben angekommen, halte ich einen kurzem Moment inne und geniesse das Panorama: vor mir die begrünten Hügel, die städtischen Bauten in der Ferne. Da ich einige Minuten zu früh bin, gehe ich schon mal in die Ziegelhütte, wo eine erste Arbeit der Ausstellung zu sehen ist. Dabei handelt es sich um die Langzeitreportage ‹Schwamendingen 1992› des Schweizer Fotografen Jules Spinatsch. Die nostalgischen Schwarz-Weiss-Aufnahmen zeigen verschiedene Szenen aus dem Alltag des Quartiers: Fahrzeuge auf der doppelspurigen Autobahn oder eine Frau, die gerade die Haare eines jungen Mädchens flicht. Eine literarische Grundlage für die Fotoserie stellte die Zeitschrift ‹Der Alltag – Sensationen des Gewöhnlichen› dar. Diese wurde 1980 von Walter Keller und Nikolaus Wyss an der Bocklerstrasse gegründet und dehnte den Kulturbegriff auf die Normalität aus.

Die eigene Wahrnehmung justieren
Als ich mich nach draussen begebe, fährt Doswald mit seinem Auto den Hang hinauf. Der Kurator und Publizist ist seit 2009 Vorsitzender der Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum. 2012 fand die erste Ausstellung ‹Art and the City› in Zürich-West statt, 2015 folgte ‹Art Altstetten Albisrieden›. Beide setzten sich mit der städtebaulichen Entwicklung der jeweiligen Quartiere auseinander und beabsichtigten, eine neue Sicht auf die gewohnte Umgebung zu schaffen. «Ein Versuch, die eigene Wahrnehmung der Stadt zu justieren», beschreibt es Doswald im dann folgenden persönlichen Gespräch.Dies ist auch das Ziel der diesjährigen Ausstellung, die in Schwamendingen, Oerlikon und Seebach stattfindet. Dabei thematisieren rund dreissig Künstlerinnen und Künstler die Veränderungen der letzten Jahrzehnte. Denn davon gab es auch im Norden Zürichs viele. Eine davon war die Eröffnung des Autobahnzubringers in den Achtzigerjahren, der die Innenstadt mit der A1 verbindet. Die Quartierteile Schwamendingen-Mitte und Saatlen wurden plötzlich getrennt; Nachbarn waren nicht mehr Nachbarn, befreundete Kinder gingen nicht mehr gemeinsam zur Schule. Nun soll mit dem Bauvorhaben ‹Einhausung› in den nächsten fünf bis sechs Jahren ein Kilometer der Autobahn überdacht und begrünt werden. Mit dieser Entwicklung gehen Vorstellungen von Trennung und Verbindung einher, womit sich die deutsche Künstlerin Katinka Bock auseinandersetzt. In ‹Frida und Friedrich I–V›, 2018, hat sie eine Bronzearbeit mittels Stahlbändern an der Lärmschutzwand am Herbstweg angebracht. So thematisiert sie die Abgrenzung, die durch die Autobahn entstand, aber auch die darauffolgenden Versuche, wieder Gemeinschaft zu schaffen.

Neue Wohnformen und Lebensräume
Auch neue Wohnformen sind in der Ausstellung ein Thema. Auf dem Hunziker-Areal in Oerlikon, wo früher die gleichnamige Betonfabrik stand, ist mit Genossenschaftsprojekten ein neues Quartier entstanden. Darauf reagiert das Künstlerduo Baltensperger + Siepert. Während mehrerer Wochen wird die Bevölkerung dazu eingeladen, Altmetall und Aluminium für den Guss einer Glocke beizusteuern. Das gespendete Material wird gesammelt und anschliessend auf dem Areal in eine eingegrabene Gussform gegossen. Die so entstehende Skulptur ‹Die Glocke› thematisiert Partizipation und Mitwirkung, gleichzeitig lenkt sie den Blick auf die gesellschaftliche und ökologische Gestaltung unserer Lebensräume. Auch Migration und kulturelle Identität sowie die Frage nach Fremde und Heimat spielen im «neuen Norden» eine bedeutende Rolle. In Zusammenarbeit zwischen den Künstlerinnen Irene & Christine Hohenbüchler, der Schule Buhnrain und dem Jungen Literaturlabor Zürich entstand die Arbeit ‹… Flieg, Vogel, flieg …›, 2014/2018. Dafür wurden Schülerinnen und Schüler gebeten, Texte über ihre Migrationserfahrungen zu schreiben. Diese werden anschliessend an überdimensionalen Vogelhäusern angebracht, die sich auf dem Pausenhof der Schule befinden. Die breit angelegte Ausstellung ‹Neuer Norden Zürich› setzt sich mit der lokalen Geschichte auseinander, thematisiert die Veränderungen der Quartiere und schafft eine ungewohnte Perspektive auf das Gewohnte. Ähnlich beschrieb es Nikolaus Wyss, Mitgründer von ‹Der Alltag›, 1982 im Anschluss an eine Stadtführung durch den Kreis 12: «Schwamendingen wird weiterhin nichts Besonderes sein. Schwamendingen ist eine Lebensmöglichkeit unter vielen anderen. Ich wollte lediglich Ihre Aufmerksamkeit für Alltägliches schärfen. Das entspricht einem dringenden Wunsch von mir: nicht Opfer alltäglicher Umstände zu werden und daran zu resignieren und zu ersticken, sondern den Alltag aufs Korn zu nehmen, ihn zu begreifen in seinem Sinn und in seiner Sinnlosigkeit zugunsten einer bewussteren und kritischeren Lebenshaltung. Wenn hierfür Ihr Interesse wach wird, so kann Ihnen ein Ausflug nach Schwamendingen Ferien auf Mallorca, Sri Lanka oder den Seychellen ersetzen. Auf Wiedersehen in Schwamendingen!»

Giulia Bernardi ist freie Autorin, Texterin und Kunsthistorikerin. giulia.bernardi@outlook.com

Bis 
02.09.2018

‹Neuer Norden Zürich›, Kunst im öffentlichen Raum, bis 2.9.; Publikation: ‹Neuer Norden Zürich. Ein Kunstprojekt im öffentlichen Raum›, hrsg. von Christoph Doswald, Arbeitsgruppe Kunst im öffent-lichen Raum der Stadt Zürich, 2018

Alle Kunstwerke sind aufgeschaltet auf artlog.net

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