Protest! Widerstand im Plakat — Mut zur Wut

Tomi Ungerer · Black Power – White Power, 1967, Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung

Tomi Ungerer · Black Power – White Power, 1967, Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung

Besprechung

«Protest!» wurde mit roter Farbe auf die Wände gesprayt. Die rote Schrift am Eingang ist kaum zu übersehen und sie nimmt vorweg, was in den Räumen des Toni-Areals aufwartet. Eine Ausstellung in fünf Kapiteln über Bildformeln und Argumentationsstrategien des Protestplakats.

Protest! Widerstand im Plakat — Mut zur Wut

Zürich — Aus dem Inneren des Ausstellungsraums sind Stimmen zu hören: ein nachdrücklicher Appell, die murmelnde Masse. Die Geräusche stammen aus einem Video, das verschiedene Demonstrationen der letzten Jahrzehnte zeigt. Soeben hat sich die melodische Stimme von Bono, Frontmann der irischen Rockband U2, dazugeschaltet, dessen Song «Sunday Bloody Sunday» ein Besucher gerade auf der «Jukebox» ausgesucht hat. Neben der eigenen Stimme und dem eigenen Körper hat sich das Plakat seit den 1920er-Jahren als effektives Medium etabliert, um soziale und politische Proteste zu begleiten. Die Macht des Bildes und des geschriebenen Wortes erkannten bereits die Dadaisten, darunter John Heartfield. Im Berlin der Nachkriegszeit setzte er antifaschistische Fotomontagen für politische Zwecke ein. Um ein möglichst breites Publikum zu erreichen, waren diese zur Vervielfältigung in Zeitschriften und auf Plakaten konzipiert. Eines seiner bekanntesten Sujets stammt aus dem Jahr 1932, das Hitler mit einem Rückgrat aus Goldmünzen zeigt. Darunter in Grossbuchstaben: «ADOLF, DER ÜBERMENSCH: Schluckt Gold und redet Blech.» Heartfield wusste die Führerfigur ironisch zu inszenieren und so ihre Autorität zu dekonstruieren. Zynismus, Humor und die Demontage der politischen Elite ist auch in zeitgenössischen Plakaten vorhanden: In ‹Völlig Banane› des deutsch-französischen Designers Mado Klümper wurde das Gesicht von Donald Trump neben drei Bananenbündeln platziert. Der Vergleich provoziert und macht das abgebildete Thema zum öffentlichen Diskurs. Tomi Ungerer – neben John Heartfield eine der acht in der Ausstellung vertretenen künstlerischen Positionen – zog 1956 nach New York, wo er als Cartoonist und Werbegrafiker arbeitete, aber vor allem Kinderbücher schrieb. In dieser Zeit nahm er wiederholt Stellung zu Rassismus, dem Vietnamkrieg und gegen jede Form von Ideologie. Ein Beispiel dafür ist ‹Black Power – White Power› von 1967, bei dem sich eine weisse und eine schwarze menschenähnliche Gestalt gegenseitig kannibalisieren. Zorn sei eine Triebfeder seiner Kunst, sagte Ungerer über sich selbst. Dass ein Kinderbuchautor so subversiv sein kann, schockierte die amerikanische Gesellschaft. Die Empörung, die Tomi Ungerer damals provozierte, ist eine der gängigen Bildformeln des Protestplakats: mit subversiven Bildern und drastischen, aber doch aufklärerischen Argumenten den wunden Punkt zu treffen, der dazu bewegt, sich mit dem Abgebildeten auseinanderzusetzen. 

Bis 
02.09.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Protest! Widerstand im Plakat 20.04.201802.09.2018 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Giulia Bernardi
Künstler/innen
Tomi Ungerer

Werbung