Taiyo Onorato & Nico Krebs — Vitale Verbindungen

Taiyo Onorato & Nico Krebs · Well, 2013, C-Print, 126,8 x 171,8 cm, © Taiyo Onorato & Nico Krebs

Taiyo Onorato & Nico Krebs · Well, 2013, C-Print, 126,8 x 171,8 cm, © Taiyo Onorato & Nico Krebs

Besprechung

‹Verwachsungen› heissen die skulpturalen Arbeiten aus Baum und Metallzaun, die erstmals in der Berliner Ausstellung des Künstlerduos Taiyo Onorato & Nico Krebs ‹Defying Gravity› zu sehen sind. Die vitale Verbindung zweier Elemente zu einer Einheit könnte Leitmotiv ihrer real/surrealen Ausstellung sein.

Taiyo Onorato & Nico Krebs — Vitale Verbindungen

Berlin — Brachen, auf denen die beiden 1979 in der Schweiz geborenen Künstler ihre hybriden Skulpturen gefunden haben, waren lange Zeit prägend für das Nachwende-Berlin. Inzwischen ist an die Stelle des Wildwuchses eine auf Rentabilität optimierte Investorenarchitektur getreten. Darf man es als Kritik an der hiesigen Baupolitik verstehen, wenn in einer wandhohen Projektion ein junger Mann auf einer Leiter stehend lautstark auf Berliner Gebäude einhämmert? Der 16-mm-Film macht sich den Effekt zunutze, dass, aus dem richtigen Winkel aufgenommen, Nahes mit Fernem verschmilzt und reale Distanzen optisch verschwinden. Akustisch unterlegt wird das Ganze durch eine hinter der Projektionswand verborgene Werkbank, welche die filmischen Schläge mit Hammer und anderem Gerät synchronisiert – was die mehrdimensionale, raumtiefe Installation in der Bildebene komprimiert. Ein ähnlicher Kunstgriff gelingt Onorato & Krebs, wenn sie aus Latten die perspektivisch verzogenen Konturen von Gebäuden nachbauen und die Verschmelzung von Hinter- und Vordergrund im Fluchtpunkt fotografisch oder filmisch fixieren. Was den «Brandanschlag» zu einer Attacke in effigie werden lässt, wenn lediglich das Holzgerüst in Flammen aufgeht. Nicht weniger surreal als die Begegnung von Regenschirm und Nähmaschine wirkt die Präsentation von Objekten aus dem ethnologischen Museum vor dem Hintergrund von Aufnahmen aus deren Herkunftsgegend: Abfotografiert, verdichten sich die unterschiedlichen Massstabsebenen zu einer irritierenden Einheit. -Onorato & Krebs haben vor Jahren ihre «Grand Tour» durch die USA angetreten – und sind später von Zürich aus in die Mongolei gereist. Die Fotografien und Filme, die auf diesen Reisen entstanden sind, bilden den Grundstock der aktuellen Ausstellung. Und zeigen, was jenseits der grossen Erzählungen möglich ist, worauf sich die Sensibilität richtet, wenn der Materialfluss analog verlangsamt wird: Sequenzen körniger Schönheit und einprägsamer Bilder. Dazu zählen der Arbeiter, der mit seiner Schaufel -irgendwo in der asiatischen Steppe unterwegs ist, Gesichter, auf denen wenige Sekunden lang die Kamera ruht, das angebundene Pferd, das seinen Kopf immer wieder an dem Mast reibt, der Mann auf dem Deck, der in seiner altmodischen Baumwollkluft auffordernd für uns tanzt, die Choreografie mechanischer Roboter … Wie das Augenzucken der täuschend echten Roboterfrau von aufkeimendem -Leben spricht, spüren auch die skulptural verwachsenen Bäume den Frühling, was sie Wochen nach dem Fällen zum Austreiben bringt. Grossartig!

Bis 
15.07.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Defying Gravity 25.03.201815.07.2018 Ausstellung Berlin
Schweiz
CH
Künstler/innen
Onorato/Krebs
Autor/innen
Miriam Wiesel

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