Theaster Gates — Basels Schwarze Madonna

Tar Baby III with Rubber Components, 2016, Holz, Gummimatte, Teer, 32,5 x 101,5 x 177 cm ohne Kopf /57 x 101,5 x 177 cm Installationsmasse, Ausstellungsansicht Black Madonna, Kunstmuseum Basel. Foto: Julian Salinas

Tar Baby III with Rubber Components, 2016, Holz, Gummimatte, Teer, 32,5 x 101,5 x 177 cm ohne Kopf /
57 x 101,5 x 177 cm Installationsmasse, Ausstellungsansicht Black Madonna, Kunstmuseum Basel. 
Foto: Julian Salinas

TG COMB Tile, 2018. Foto: David Sampson

TG COMB Tile, 2018. Foto: David Sampson

Theaster Gates

Theaster Gates

Black Madonna (vorne) & Walking Prayer (hinten), Ausstellungsansicht Black Madonna, Kunstmuseum Basel | Gegenwart. Foto: Gina Folly

Black Madonna (vorne) & Walking Prayer (hinten), Ausstellungsansicht Black Madonna, Kunstmuseum Basel | Gegenwart. Foto: Gina Folly

From the archives of the Johnson Publishing Company

From the archives of the Johnson Publishing Company

Fokus

Vor fünf Jahren verwandelte Theaster Gates hundert Marmorplatten aus den Toiletten eines Bankgebäudes in eine Währung. ‹In Art We Trust› hiess die Intervention an der Art Basel, welche die Stony Island Arts Bank, ein Kultur- und Quartierzentrum in Chicago, finanzierte. Der Titel bleibt ein Credo, auch wenn die jetzige Interaktion im Kunstmuseum Basel zwischen symbolischen und Kapital-Werten diskreter bleibt. 

Theaster Gates — Basels Schwarze Madonna

«Ich bin ein Künstler», meint Theaster Gates und: «Das ist ein Museum.» Basel ist nicht Chicago und unsere Agglomerationen nicht das Fundament, um ein neues ‹Dorchester Project› aus der Taufe zu heben. Wenn der Künstler ab 2009 Aufmerksamkeit und finanzielle Mittel des Kunstsystems geschickt auf Chicagos Südseite lenkte und in Schwarzen-Vierteln Kunstinstitutionen, Sammlungen und Kulturstiftungen ansiedelte, besinnt sich Gates hier auf Werke, die auf den musealen Rahmen angewiesen sind. «Genau deswegen ist die Basler Ausstellung für mich so wichtig: Sie gibt mir die Möglichkeit, die Skulptur und die Poesie meiner Arbeit unabhängig von den Projekten vorzustellen.» Vor zwei Jahren erwarb die Öffentliche Kunstsammlung mit ‹Tar Baby III with Rubber Components›, 2016, und einer grossformatigen ‹Shine Study 2› zwei Werke von Gates. Beide sind unter anderem aus Teer geschaffen – jenem Material, mit dem der Sohn eines Dachdeckers lernte, was Arbeiten heisst. Der vereinzelte Kinderkopf auf Holzpalette und blauer Plache führt das Prekariat von Heimat-losigkeit und Flucht vor Augen – und schmiegt sich gleichzeitig einer eurozentrischen Kunstgeschichte an zwischen Christusbild und Joseph Beuys.

Eine Hommage an die Frau
Eine ungewohnte, durchaus anrührende Begegnung wartet im Eingangssaal des Museums im St. Alban-Tal: Eine ‹Schwarze Madonna›, ganz aus Teer, nimmt dessen Mitte ein. Ohne Sockel. Aus einem Guss. Aufrecht thront sie in profaner Umgebung. Ihr rechter Arm ist leicht versehrt, der Teer gibt vor allem bei steigenden Temperaturen seinen schweren Geruch ab. Auf dem linken Knie hält sie – wie seit je – das Kind. Ihre kulturgeschichtliche Reise ist lang und reich an wundersamen Vorkommnissen. In der Obhut von Gates öffnet sich die Ikone dem Kapitel der Diskriminierung Schwarzamerikas, nähert sich der starken, afroamerikanischen Frau. «Ich frage nach den Momenten, wo wir das Recht haben, die Frau zu feiern. Wie selten sie sind. Und vielleicht sogar, wie heute Frauen ihren Platz wieder einfordern in der Aneignung von männlichen Privilegien.» Auf Augenhöhe fliesst ein Regal der Wand entlang und schliesst mit Hunderten von schwarz gebundenen Büchern einen Halbkreis um die geistige Mitte. In seinem «Gebet» bringt Gates Autorinnen und Autoren miteinander ins Gespräch, die alle – direkt oder indirekt – auf die afroamerikanische Geschichte bezogen sind. Die Buchrücken zitieren den jeweiligen Titel direkt oder entlehnen ihren goldgeprägten Wortschatz dem Nachbarbuch. «Mary and the Word | Women in Power | With Loyal Blacks by their Side | Lonely Warrior | Wondering the Lost Cities of Africa …»  Wenn Gates laut liest, wird seine Bücherbank zum rhythmischen Sermon, zum Lied, zur Litanei – und die Installation ein Rosenkranz, in den sich jede Stimme wie zum Chor einmischen mag. «Ich bin erzogen worden im Glauben, dass wir Menschen aufgefordert sind, die Erde ganz zu machen.» Es geht um ein Echo in seiner Kunst und ums Vertrauen, dass Dinge etwas zu sagen, mehr noch, zu bewegen haben. «Du kannst kommen und sagen: Das ist eine Skulptur. Dann ist es eine Skulptur und du gehst weiter. Das steht dir auch zu. Aber wenn du etwas mit Kraft auflädst, gibt es Kraft zurück.»

Das schwarze Trauma
Die Sprache des Rechts, der Freiheit, ja auch der Liebe läuft mit, wenn Gates im Gespräch seine Recherche zur Schwarzen Madonna nachzeichnet. Kunst erscheint als ein Raum der Selbstermächtigung, in dem individuell und kollektiv erfahrene Themen geteilt und zur Aufführung gebracht werden können. Gates’ Black Madonna war zunächst Identifikationsfigur der Befreiungstheologie und Black-Power-Bewegung. «Der Schrein der Madonna in Detroit zum Beispiel ist hochgradig politisch. Er stärkt die Überzeugung, dass Schwarze Land besitzen sollen, dass sie sich selbst anerkennen im Anspruch ihres göttlichen Rechts.» In Theaster Gates’ Interesse an der Wirkungsmacht des Religiösen kreuzen sich Wunderglaube und politische Theologie, Sozialgeschichte und Ökonomie. Entlang mariologischer Überlieferungen legt der Künstler Erzählstränge frei, die mit Mut wie mit Schmerz aufs engste verwoben scheinen: «Ich habe angefangen, all diese Geschichten zu lesen: Wie man Maria in die Kirche holte und sie zurück zum Flussufer ging. Oder wie sie, nachdem sie ein Feuer erstickt hatte, schwarz geblieben ist. Könnte die schwarze Madonna eine Madonna mit Trauma sein?» Auch ihre mediatisierte Erscheinung legt solches nahe: Die Mutter am offenen Sarg des 14-jährigen Emmet Till ging 1955 um die Welt und sollte sich auch Nachgeborenen wie Gates als Gradmesser der Ächtung von Schwarzen und als Initiation einer neuen Bürgerrechtsbewegung ins Gedächtnis einbrennen. Gegen die rassistischen Nachbeben der Sklaverei, gegen die Demütigung und Nivellierung der schwarzen, weiblichen Kultur bietet Gates im Neubau des Kunstmuseums annähernd 3000 Fotografien auf. Ein anstiftend heiteres Bild überlebt in seiner Auswahl aus dem Archiv der Johnson Publishing Company, des grössten US-amerikanischen Verlagshauses in schwarzer Hand. Auf einem Regal, das kreuzförmig den Raum durchbricht, offeriert der Fundus der 1942 lancierten Monatszeitschrift ‹Jet› immer wieder andere Ansichten geglückten Lebens. Modebewusst räkeln sich dunkelhäutige Beauties in Freizeitposen, kokett schenken sie ihren Fotografen einen Augenaufschlag. Wobei Accessoires wie Lockenwickler beiläufig auch von der Bereitschaft zur Anpassung ans Ideal der weissen Ikone aus Film und Populärkultur zeugen: Die grosse Hommage von Gates an all seine Mütter und Schwestern illustriert die ungebrochene, selbstbewusste Teilhabe am Erfolgsmodell des amerikanischen Way of Life – und findet in Basel eine Fortsetzung: Eine historische Druckmaschine steht bereit zur Produktion und Distribution neuer Prints, welche die Feier von Bild und Text im Dialog mit dem Publikum vorantreiben wird.

Populäre Ikonen
Gates’ Madonna aus «Pech» im Eingangssaal des Kunstmuseums | Gegenwart liegt ein nur daumengrosses Accessoire zugrunde. Als er über die Wechselwirkung zwischen der schwarzen Madonna katholischer Prägung und dem Bild der schwarzen Frau nachzudenken begann, habe ihm ein Freund einen Schlüsselanhänger zugeschickt. «Das Bild von Madonna und Kind war verschlissen. Der Arm war kaputt, eine Hand abgebrochen. Wow, dachte ich, sie begleitet dich überallhin und erträgt die Mühsal jeden Tag.» Empathie ist eine Grundhaltung, die das Schaffen von Gates durchzieht und der selbstverständliche Wille, das Marginale mit Bedeutung aufzuladen, die das Echo einer Community auszulösen verspricht. Und der Teer? «It’s my black way», sagt Gates fröhlich, fast begeistert über den zähen und klebrigen Rohstoff. «Ich wollte einen Weg finden, dass diese Madonna zu meiner eigenen wird, und sie in meinem Material wiedergeben – in einer Sprache und einem Material, die ich verstehe.» Einmal Teil des wunderbar profanen Wettbewerbs um Schönheit, Stolz und Spiel, einmal kunstgeschichtliche Ikone, religiöses Andachtsbild, globale Metapher im Material von zähem Widerstand: Das Fest ist eröffnet, die Schwarze Madonna hält etwas bereit für Einkehr und Nachdenklichkeit wie für den ungebrochenen Lebensmut.

Isabel Zürcher ist freiberufliche Autorin und Kunstwissenschaftlerin in Basel mail@isabel-zuercher.ch

Bis 
21.10.2018

Theaster Gates (*1973) lebt in Chicago
Studien in den Bereichen Stadtplanung und Keramik an der Iowa State University und in den Bereichen Bildende Kunst, Religionswissenschaft und Keramik an der Universtität Kapstadt

Einzelausstellungen und Projekte (Auswahl)
2016 Theaster Gates – Black Archive›, Kunsthaus Bregenz
2015 Theaster Gates – Sanctum›, Situations Bristol
2014 Black Monastic›, Museu Serralves, Porto
2012 Theaster Gates – My Labour is My Protest›, White Cube, London
2011 Feast, An Exhibition of Radical Hospitality›, Smart Museum of Art, Chicago
2010 To Speculate Darkly: Theaster Gates and Dave, the Slave Potter›, Milwaukee Art Museum

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2015 All the World’s Future›, 56. Biennale Venedig
2014 Experiences with Truth: Gandhi and Images of Non-Violence›, Menhil Collection, Houston; ‹Living in the Material World›, Kunstmuseum Krefeld
2012 12 Ballads for Huguenot House›, documenta (13), Kassel

Werbung