Una Szeemann — Landschaften des Unbewussten

Una Szeemann · Auf einem langen Schatten, 2018 (hinten) und Über dem See und umgekehrt, 2018 (vorne). Foto: Kunsthalle Winterthur

Una Szeemann · Auf einem langen Schatten, 2018 (hinten) und Über dem See und umgekehrt, 2018 (vorne). Foto: Kunsthalle Winterthur

Una Szeemann · Welwitschia mirabilis, 2018, Lambda Print auf Barytpapier, 50 x 60 cm

Una Szeemann · Welwitschia mirabilis, 2018, Lambda Print auf Barytpapier, 50 x 60 cm

Besprechung

Von einzelnen Arbeiten ausgehend, inszeniert die zunächst an der Schauspielschule in Mailand ausgebildete Una Szeemann in der Kunsthalle einen theatralen Gesamtauftritt. Karg und anspielungsreich zugleich erzählt sie von verborgenen und verhüllten Kräften, die sich dem eindimensionalen Blick entziehen.

Una Szeemann — Landschaften des Unbewussten

Winterthur — Ein schwarzes Gebilde dominiert den Raum. Wie ein vorzeitlicher Drache bäumt es sich auf, bedrohlich und mächtig. Um seine Urkraft herum liegen als Gegenpart auf dem Boden verstreut weisse Formen flach. Sie wirken wie von der -dominanten Energie abgesprengte und abgeformte Fragmente, wie sich ergebende und hingebende, schalenartige Teile – in denen die Abdrücke eines weiblichen Körpers zu erkennen sind. Im zweiten Raum lehnen fünf grosse Kupferplatten an den Wänden. Auch auf ihren Oberflächen sind – jetzt durch Ätzungen entstanden – Abdrücke eines in fliessende Stoffe gehüllten weiblichen Körpers zu sehen. An den Rändern oszillieren grünlichblaue Färbungen, als sei hier ein nicht voraussagbares, mystisch-chemisches Ereignis passiert. Una Szeemann (*1975, Locarno) arbeitet mit reduzierter Farbpalette, lässt vor -allem die Materialien sprechen: im ersten Raum die schwarzen Rindslederhäute, die über einer Art metallenem Wirbelsäulengerüst hängen, und die weissen, wie Gips wirkenden Acrylharzabgüsse; im zweiten Raum die Kupferverfärbungen. Die monochrome Farbgebung erinnert an Minimal-Konzepte. Allerdings erzählt Szeemann Geschichten, welche die minimalistische Nüchternheit weit hinter sich lassen. Sie operiert mit unbewussten, sich nur andeutungsweise zeigenden Kräften, die wie aus einer anderen Welt, aus einer anderen Bewusstheit in unsere Visualität herüberschwappen. Als Beitrag zur Manifesta in Zürich liess sich die Künstlerin hypnotisieren, um anschliessend ihre Reise ins Unbewusste und die Präsenz des Abwesenden in ästhetischen Objekten zu fassen. Fruchtbarkeit und Sexualität klangen an, Themen, die auch in der Ausstellung in der Kunsthalle offensichtlich sind. Das Aufscheinen des weiblichen Körpers durch Stoffe hindurch lässt hier zugleich die Antike anklingen, den raffinierten Faltentwurf des nassen, sehr erotischen Stils der griechischen Hochklassik. Mir gingen nach dem Besuch der Ausstellung Bilder von Giovanni Segantini nicht aus dem Sinn. Dessen spröde und doch so anspielungsreiche, tragisch-erotisch geladenen Hochgebirgslandschaften wie ‹Die Bestrafung der Wollüstigen›, 1891, oder ‹Die bösen Mütter›, 1894, liessen sich prächtig mit Szeemanns «Landschaften des Unbewussten» vergleichen. So hat es der Künstlerin auch die – mit zwei Fotos präsenten – Welwitschia mirabilis angetan, ein fruchtbares, zugleich männliches und weibliches, unter kargsten Bedingungen überlebendes Wüstengewächs. 

Bis 
22.07.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Una Szeemann 06.05.201822.07.2018 Ausstellung Winterthur
Schweiz
CH
Autor/innen
Brita Polzer
Künstler/innen
Una Szeemann

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