Anita Zumbühl — Die Natur als Koautorin

Anita Zumbühl · Very few things consist of a single substance, 2019, Ausstellungsansicht Kunst­museum Luzern. Foto: Marc Latzel

Anita Zumbühl · Very few things consist of a single substance, 2019, Ausstellungsansicht Kunst­museum Luzern. Foto: Marc Latzel

Anita Zumbühl · Very few things consist of a single substance, 2019, Ausstellungsansicht Kunst­museum Luzern. Foto: Marc Latzel

Anita Zumbühl · Very few things consist of a single substance, 2019, Ausstellungsansicht Kunst­museum Luzern. Foto: Marc Latzel

Besprechung

‹Very few things consist of a single substance.› Dieses titelgebende Zitat der Ausstellung ist nicht nur prägnant. Die Art und Weise, wie die ausstellende Künstlerin Anita Zumbühl auf dieses gestossen ist – zufällig im Internet – steht zudem symptomatisch für das Œuvre der Künstlerin.

Anita Zumbühl — Die Natur als Koautorin

Luzern — Mit dem lateinischen Terminus «Natura naturans» wird das schöpferische Vermögen der Natur definiert. Stetig im Werden und Entstehen begriffen, wohnt ihr ein unerschöpfliches kreatives Potenzial inne. Ebendieses Potenzial, das einerseits als Folge zufälliger Koinzidenzen erscheint, andererseits kausalen Gesetzmässigkeiten gehorcht, inspiriert Kunstschaffende immer wieder dazu, ihre Arbeiten den Zugriffen der Natur zu überantworten. Auch für ihre raumgreifenden Färbearbeiten hat Anita Zumbühl (*1975) auf das schöpferische Vermögen der Natur vertraut. Ausladend in Länge und Breite fällt der mit künstlichen Pigmenten gefärbte Stoff in lockeren Falten auf den Boden. Die auf dem Textil dargebotene abstrakte und pulsierende Komposition von ineinanderlaufenden Farben ist jedoch nicht das Resultat gestischer Malerei; die künstlerische Geste beschränkt sich hier auf die Streuung von Farbpulver auf einen Bildträger aus weissem Stoff. Erzeugt hat die an Batik erinnernde Optik vielmehr das einwirkende Regenwasser auf das von Zumbühl unter freiem Himmel platzierte Tuch. Indem die Künstlerin die Witterungsverhältnisse bewusst in die Genese ihres Werks hat einfliessen lassen, ist die Natur zu einer aktiven Mitautorin avanciert. Zudem fixiert sie ihre Arbeit mit schwarzem Klebeband sichtbar an der Wand und macht so unmissverständlich klar, dass sie mit ihrer installativen Arbeit kein immersives Erlebnis bieten möchte. Vielmehr führt sie mit dem Verfremdungseffekt des Tapes vor Augen, dass der ausladende Vorhang gefärbtes Tuch ist, das an einer Museumswand hängt. Entsprechend entzaubert wirkt die Arbeit in ihrem Ausstellungscharakter höchst provisorisch. Unterwandert wird dieser Eindruck durch bunt bemalte Bänke, die Zumbühl im Raum verteilt hat, gewährt sie den Betrachtenden so doch Gelegenheit, sich hinzusetzen und innezuhalten. Ihren Fortlauf findet die Ästhetik des Indefiniten und Zufälligen dagegen in einer Nische aus Kissen, die mit Fotografien ausgestattet ist: Lose ausgebreitet auf einer Decke oder an die Wand gepinnt, vermitteln diese Aufnahmen mit unterschiedlichsten Motiven den Eindruck einer potenziell auswechselbaren Sammlung. Damit manifestiert Zumbühl einmal mehr ihr Faible für das Nichtabgeschlossene, Prozesshafte, das jedoch auch zu einer grossformatigen Geste gefrieren kann. Dies zumindest legen ihre raumgreifenden Stoffarbeiten nahe. Weitergedacht könnten die vom Niederschlag gefärbten Textilien so auch als materialiter geronnene Abdrücke der Zeit gelesen werden – oder als Kartografie meteorologischer Verhältnisse.

Bis 
25.08.2019

→ ‹Anita Zumbühl – Very few things consist of a single substance›, in Kooperation mit der Kommission Bildende Kunst Stadt Luzern, Kunstmuseum Luzern, bis 25.8. ↗ www.kunstmuseumluzern.ch

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Anita Zumbühl 08.06.201925.08.2019 Ausstellung Luzern
Schweiz
CH
Autor/innen
Tiziana Bonetti
Künstler/innen
Anita Zumbühl

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