Blickwechsel

Andrea Vogel und Beatrice Dörig · Line Goes By, Installationsansicht Nextex, St. Gallen, 2019

Andrea Vogel und Beatrice Dörig · Line Goes By, Installationsansicht Nextex, St. Gallen, 2019

Andrea Vogel und Beatrice Dörig · Line Goes By, Installationsansicht Nextex, St. Gallen, 2019

Andrea Vogel und Beatrice Dörig · Line Goes By, Installationsansicht Nextex, St. Gallen, 2019

Hinweis

Blickwechsel

St. Gallen — Ein vergittertes Fenster ist ein Bild des Misstrauens und der Angst. Das Gitter weist ab, aber es schliesst auch ein. Wer drinnen ist, hat keinen freien Blick nach draussen, wer draussen ist, bekommt suggeriert, dass hier etwas oder jemand weggesperrt ist. Diese Ambivalenz bleibt auch dann erhalten, wenn ein Gebäude eine neue Funktion erhält, so wie beim Projektraum Nextex der visarte.ost. Er befindet sich seit anderthalb Jahren im ehemaligen italienischen Konsulat St. Gallen und der frühere Zweck des Gebäudes zeigt sich noch in Schalterkabinen, Fenstern mit Pultöffnung und Aktenschränken und bis vor kurzem in den Gittern im Erdgeschoss. Jetzt sind diese aber verschwunden. Zumindest aus den Fenstern. Für ihre Doppelausstellung mit Beatrice Dörig hat die St. Galler Künstlerin Andrea Vogel die Gitter entfernen und biegen lassen. Die radikale Geste erlaubt nun den ungehinderten Durchblick, lässt den Raum offener erscheinen und fördert zugleich die Kommunikation: Acht Gitter stehen durch die Biegung um 90° an der Ober- und der Unterkante jetzt frei im Raum und bieten sich als Sitzgelegenheit an. Platziert in Ensembles, treten sie bereits miteinander in einen Dialog. Zugleich korrespondieren sie mit der grossformatigen Wandzeichnung von Beatrice Dörig. Die Künstlerin, ebenfalls St. Gallerin, arbeitet seit einiger Zeit an grossformatigen Linienzeichnungen, die für sich genommen ein Porträt der Zeit sind. Sie legt Linie neben Linie, der Stift hinterlässt eine Spur, mal enger an der Nachbarlinie, mal etwas weiter entfernt, und mitunter entwickeln sich auch Kreuzungen. Dadurch entsteht in der Fläche ein Raum. Wenn nun Beatrice Dörig diese Linien im Nextex auch um Mauerkanten herum und in Nischen hinein- und wieder herausfliessen lässt, evoziert jeder Strich nicht nur im Bildraum die Dreidimensionalität, sondern wird tatsächlich Teil des realen Raums. Vogels Transformation der Gitter und Dörigs raumbildende Linien rufen Deleuzes Schrift zur barocken Falte in Erinnerung. Beide Arbeiten erlauben neue, flexible Perspektiven, beide spielen mit der Nähe zum Ornament, bewahren sich eine grosse Autonomie im Raum und funktionieren auf mehreren Wahrnehmungsebenen. So haben Dörigs Linien beispielweise auch einen starken textilen Charakter, und Andrea Vogel hat die geschwungenen Fenstergitter eines kleineren Raums in ein Bettgestell verwandelt, das nun die ganze Vieldeutigkeit einer eisernen Schlafstatt in sich trägt.

Bis 
11.07.2019
Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
NEXTEX Schweiz St. Gallen
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Brazil 05.09.201903.10.2019 Ausstellung St. Gallen
Schweiz
CH
Künstler/innen
Beatrice Dörig
Andrea Vogel
Autor/innen
Kristin Schmidt

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