Das Grosse Rätsel: Es ist Frühling

Venedig, Campo de la Celestia, Italien. 11.5.2019. Foto: SH

Venedig, Campo de la Celestia, Italien. 11.5.2019. Foto: SH

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Das Grosse Rätsel: Es ist Frühling

«Sag es noch einmal, lauter!», bellt eine rauchige Männerstimme und verhallt in ­einem hohen, leeren Raum. «Ich habe verstanden», zittert es leise aus der Kehle einer Frau. «Ancora!» Sie ist den Tränen nahe. «Ho capito, ho capito.» Quietschend geht ein Fenster auf, das Glas scheppert leicht im Rahmen nach. Aus der Dunkelheit des Hauses taucht der Oberkörper einer Frau auf, lehnt sich über die Brüstung, schwingt ein Betttuch über die Wäscheleine, an der schon ein schwarzer Rock und eine schwarze Bluse hängen. Ich kann nicht erkennen, ob sie Tränen in den Augen hat. Auf der anderen Seite des Platzes taucht ein alter Mann auf, trippelt mit kleinen Schritten aus dem Schatten einer Gasse ins Sonnenlicht hinein. In seinen Armen hält er eine Katze, weiss mit grauer Zeichnung. Behutsam setzt er das Tier in ein Geviert aus Gras, in einen kleinen Flecken Natur, der hier mitten auf dem Campo della Celestia ausgespart ist. Die Katze legt sich hin, schliesst die Augen. Der Mann betrachtet sie nachdenklich und wirkt ein wenig traurig dabei. Ich glaube, sie ist krank. Englisch plappernd, den Blick auf das Display ihrer Smartphones gerichtet, rauschen ein paar Kunstliebhaberinnen vorbei. Sie suchen den ... Pavillon, der den Goldenen Löwen der Biennale gewonnen hat. Dann kehrt wieder Ruhe ein. Ein Lufthauch streift durch einen Lindenbaum, weht einen süsslich-grasigen Duft über den Platz. Das trockene Glöckchen von San Francesco della Vigna verkündet, dass es jetzt 10.30 Uhr ist. Auf einem Mauerabbruch hinter mir paaren sich zwei Eidechsen. Es ist Frühling. Liebesgeschichten überall.

Samuel Herzog, freier Schreiber (Kunst & Kochen). herzog@hoio.org

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Autor/innen
Samuel Herzog

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