Das Sanatorium

Eliane Rutishauser · Sanatorium Langmatt, 2019, Fotomontage, Quelle: Skoda Autoarchiv

Eliane Rutishauser · Sanatorium Langmatt, 2019, Fotomontage, Quelle: Skoda Autoarchiv

Mario Marchisella · Sogno ad orecchi aperti 3, 2019, Audioinstallation und diverse Objekte, nach Gauguin. Foto: Eliane Rutishauser

Mario Marchisella · Sogno ad orecchi aperti 3, 2019, Audioinstallation und diverse Objekte, nach Gauguin. Foto: Eliane Rutishauser

Hinweis

Das Sanatorium

Baden — Die Langmatt setzt im Thermalkurort Baden auf die heilende Kraft der Kunst und verwandelt sich einen Sommer lang in ein Sanatorium. Da liefern sich etwa Kinder und der Zürcher Künstler Florian Germann in der leergeräumten, mit graublauem Spielfeld ausgelegten Galerie schweisstreibende Federballduelle. Wie keck, denkt man: Körperertüchtigung anstelle von Abschreiten impressionistischer Meisterwerke. Menschen in weissen Kitteln wuseln durchs Haus und kümmern sich um das Wohl der Gäste. Denn ein bisschen sitzt einem noch der Schock in den Knochen, weil man gleich beim Hauseingang auf einen Ambulanz­wagen stösst, auf dessen Ladefläche eine abgetakelte Lady in Abendrobe liegt. Die Dame im Oldtimer entpuppt sich indes als quick­fidele Fasnachtspuppe. Spassgesellschaft im Museum?, fragt man sich – und lässt sich bald vom Gegenteil überzeugen. Wer durchs Museum und besonders durch die bisher noch nie genutzten Wirtschaftsgebäude im Park streift, entdeckt eine witzige, in sich stimmige Gesamtinstallation. Mario Marchisella, Soundkünstler, unter anderem auch für Pipilotti Rist und Zilla Leutenegger tätig, lässt im Geräteschuppen aus über siebzig umgestülpten Blumentöpfen Glocken erklingen – ein Mix aus japanischer Komposition und Sphärenmusik. Und im Badehäuschen unterlegt er einem hochartifiziellen Stillleben aus verschütteten Camparigläsern und Plastikorangen – ­einer trashigen Hommage an Gauguins Gemälde im Haus – einen Soundteppich aus Glasharfentönen. Ob die Audioinstallation den Abgesang auf die bessere Gesellschaft illustriert? Sie wirkt jedenfalls so dekadent schön wie Florian Germanns blumenähnlicher Airbag, der in Nachbarschaft zu Renoirs Anemonen wie ein neuzeitliches Memento Mori die Wandtapete ziert. Heilbringendes, unheilvolles Sanatorium. So richtig romantisch biegen sich dafür die Laubbäume in den Videoprojektionen von Christine Camenisch und Johannes Vetsch. Sie legen Schatten und Licht über die Landschaftsgemälde der Sammlung, und es scheint, als ob plötzlich die Boote, Wälder und Flüsse auf den Leinwänden selbst in Bewegung gerieten. Wem davon schwindelt, dem seien Katrin Freisagers meditative Fotos in der Bibliothek, ein Nicker­chen auf den Betten vor Herbert Brandls Nachtgemälde oder das Kneippbad im Park empfohlen. Ja, und Yoga gibt’s übrigens auch. Spassgesellschaft? Mitnichten: Slow Art vom Feinsten in superbeschleunigten Zeiten.

Bis 
25.08.2019

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