Entangled Realities — Schöne neue Welt?

Mario Klingemann · Uncanny Mirror, 2018, Installationsansicht aus ‹Entangled Realities – Living with Artificial Intelligence›, 2019, HeK Basel. Foto: Franz Wamhof

Mario Klingemann · Uncanny Mirror, 2018, Installationsansicht aus ‹Entangled Realities – Living with Artificial Intelligence›, 2019, HeK Basel. Foto: Franz Wamhof

Besprechung

Algorithmen und künstliche Intelligenzen verändern, wie wir in Zukunft leben werden. Die thematische Ausstellung ‹Entangled Realities› im Haus der elektronischen Künste in Basel nimmt sich der neuen technologischen Realitäten auf spielerische und subversive Weise an.

Entangled Realities — Schöne neue Welt?

Basel — Vor einiger Zeit führte ich ein Gespräch mit dem nordamerikanischen Musikproduzenten Renick Bell, der Teil der sogenannten Algoravecommunity ist. Diese definiert sich vor allem dadurch, dass sie mithilfe von selbstgeschriebenen Codes und Algorithmen in Echtzeit Musik generiert. Angesprochen auf die Beobachtung, dass Algorithmen und ihre oft kommerziellen Verwendungszwecke oft mit Skepsis beäugt werden, antwortete Renick Bell: «Es gibt das Missverständnis, dass Dinge aus­ser Kontrolle geraten, sobald Algorithmen involviert sind. Aber schlussendlich sind es Menschen, welche die kommerziellen Entscheidungen treffen. Algorithmen sind ­lediglich Werkzeuge und jeder kann diese für jeden selbstgewählten Zweck nutzen.» Diese Beobachtung liegt auch der Schau ‹Entangled Realities› im Haus der elektronischen Künste in Basel zugrunde. In der Gruppenausstellung werden 13 verschiedene künstlerische Positionen gezeigt, die sich alle auf die eine oder andere Art und Weise mit Fragen zur künstlichen Intelligenz auseinandersetzen und damit, wie diese Systeme unsere Gesellschaft bereits verändert haben und weiter verändern werden. Ausgehend von der Feststellung, dass Algorithmen lediglich Werkzeuge seien, ergeben sich in der Ausstellung, durch das Umdeuten kommerzieller Technologien zu künstlerischen Zwecken, immer wieder Verschiebungen und, ganz im Sinne des Ausstellungstitels, Überlagerungen von Realitäten. Die Realität der immer lücken­loseren Überwachung und Kontrolle des (halb-)öffentlichen Raums zum Beispiel wird von Dries Depoorter in seiner Arbeit ‹Surveillance Paparazzi› aus dem Jahr 2018 aufgegriffen: Der Künstler zapft Überwachungskameras an und gleicht die Bilder mittels einer Bilderkennungssoftware von Microsoft mit den Porträts prominenter Personen ab. So bekommt man mit 98-prozentiger Wahrscheinlichkeit beziffert, dass es sich bei der Frau, die bei einem Autohändler in Los Angeles wartet, um die Sängerin Sia handeln könnte. Wenn Kunstschaffende sich einmischen, dann ja oft, um die Realität zu hinterfragen, Stellung zu beziehen und uns aufzurütteln. Hier machen sie uns bewusst, was die technischen Möglichkeiten, auf denen ‹Surveillance Paparazzi› fusst, auch für den eigenen Alltag bedeuten könnten. Und auch wenn sich manche der vom Kuratorenduo Sabine Himmelsbach und Boris Magrini ausgewählten Arbeiten bisweilen in technischen Spielereien verlieren (fairerweise dann auch als solche deklariert), gelingen diese Realitätsprüfungen in ‹Entangled Realities› immer wieder. Die Ausstellung verdeutlicht, dass es kein Entkommen gibt.

Bis 
11.08.2019
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Entangled Realities - Leben mit künstlicher Intelligenz 09.05.201911.08.2019 Ausstellung Basel/Münchenstein
Schweiz
CH
Künstler/innen
Dries Depoorter
Mario Klingemann
Autor/innen
Mathis Neuhaus

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