Gasträume 2019 — Es muss nicht immer Münster sein

Olaf Breuning · Heart, 2016 (rechts) auf dem Schiffbauplatz. Foto: Oliver Kielmayer

Olaf Breuning · Heart, 2016 (rechts) auf dem Schiffbauplatz. Foto: Oliver Kielmayer

Matthias Gabi · Repro, 2018/2019, Lindenhof, Zürich, 12 Plakatständer, je 89,5 x 128 cm, Courtesy: Visarte Zürich. Foto: Cédric Eisenring / Kunst im öffentlichen Raum Zürich

Matthias Gabi · Repro, 2018/2019, Lindenhof, Zürich, 12 Plakatständer, je 89,5 x 128 cm, Courtesy: Visarte Zürich. Foto: Cédric Eisenring / Kunst im öffentlichen Raum Zürich

Besprechung

Zum zehnten Mal findet das Sommerprojekt der Fachstelle für Kunst im öffentlichen Raum der Stadt Zürich statt. Zwischen den nur alle drei Jahre stattfindenden Spezialformaten, die als kuratierte Ausstellungen einzelne Stadtquartiere beleben, gibt es die ‹Gasträume›, die etwas kleinere Brötchen backen.

Gasträume 2019 — Es muss nicht immer Münster sein

Zürich — Je nach Auftrag und Budget sind für permanent installierte Kunstwerke im öffentlichen Raum Massstäbe möglich, die ansonsten undenkbar wären, doch insgesamt sind es weniger die Formfindungen, die sie von musealer Kunst unterscheiden, als vielmehr das Publikum, das ungefragt damit konfrontiert wird. Genau hier setzen die ‹Gasträume› an, und die Vermittlung gelingt fehlerfrei: Für das professionelle ­Publikum gibt es zum Auftakt ins Zurich Art Weekend einen launigen Eröffnungsabend, auf Instagram lässt sich die Anlieferung und Installation der einzelnen Kunstwerke mitverfolgen, und möchte man nicht auf eigene Faust mit dem übersichtlich gestalteten Kurzführer die Werke erkunden, so kann man sich während der Sommermonate für einen von insgesamt 24 geführten Spaziergängen anmelden. Die Künstlerinnen und Künstler werden von der Kiör Zürich respektive deren Leiter Christoph Doswald gemeinsam mit einer Fachjury aus Bewerbungen von Museen, Galerien und Off-Spaces auswählt. Die Qualität der Veranstaltung widerspiegelt also vor allem die Qualität der Bewerbungen, während vergleichbare, jedoch stärker kuratierte Formate meist eine tendenziell höhere Dichte an Wow-Effekten erzielen – in Zürich etwa ‹Art and the City›, 2012, ‹AAA – Art Altstetten Albisrieden›, 2015, und ­Neuer Norden, 2018. Ebenso wenig zu übersehen ist die Tatsache, dass die berühmteren Künstlerinnen und Künstler im Line-up sich kaum mit räumlichen oder sozialen Gegebenheiten vor Ort beschäftigen, sondern ihre Werke als drop sculpture installieren lassen. So würde Angela Bullochs ‹Heavy Metal Stack Pink West›, 2015, auch in einem Verkehrskreisel in Indien gut aussehen und tut es nun vor dem Maag Tower. Dasselbe gilt für Olaf Breunings ‹Heart›, 2016, vor dem Schiffbau, doch stärker als Bullochs Werk nimmt es den Bezug auf die Skulptur von Bernhard Luginbühl nebenan auf und gibt mit seinen im Vergleich lächerlich kleinen Massen einen selbstironischen Kommentar dazu ab. Und Hamish Fulton, der aufgrund seines künstlerischen Fokus auf Spaziergang und Wanderung für eine neue Arbeit geradezu prädestiniert gewesen wäre, zeigt mit ‹Connecting the Footsteps of 21 Walks› lediglich einen dokumentarischen Rückblick auf Arbeiten, die ihn seit 1986 in die Schweiz führten. Scheinbar standesgemäss steht Robert Indianas Skulptur ‹ART›, 1972–2001, auf dem Paradeplatz. Anders als noch vor der Finanzkrise behauptet sie hier und heute allerdings kaum mehr die Komplizenschaft mit den Schweizer Grossbanken, sondern sieht eher auf sie herab; auf die Verlierer, die angesichts ihres desolaten Börsenwerts kaum mehr jemand ernsthaft als Blue Chips bezeichnet. Neben den künstlerischen Schwergewichten bieten die Gasträume immer auch Platz für weniger etablierte Positionen – und vermögen zu punkten: Nico Lazúla und Ruedi Staub haben mit ‹Le Grognement Vague› eine visuell attraktive Skulptur aus blauen PVC-Rohren für den Vulkanplatz konzipiert; sie ist gleichzeitig eine Klangskulptur, bestehend aus einer abstrakten Komposition mit Brummgeräuschen, einer vor Ort entstandenen Sammlung gesprochener Begriffe sowie einem Gedicht. Was für ein museales Kunstwerk eindeutig überladen wäre, funktioniert am ausgewählten Platz in Altstetten durchaus gut. Auch von Matthias Gabis Arbeit ‹Repro›, seit 2018, auf dem Münsterplatz lässt sich dies behaupten, denn seine Bild-Text-Kombinationen bestehender Druckerzeugnisse auf Plakatständern sind einerseits visuell genügend attraktiv, um das Interesse der Passanten zu wecken, andererseits belohnen sie diese mit einem vielfältigen und vieldeutigen Angebot. Im einleitenden Text zur Publikation der ‹Gasträume› erwähnt Kurator Christoph Doswald den Beitrag von Christoph Büchel zur diesjährigen Biennale in Venedig: ein vor Lampedusa gesunkenes Flüchtlingsboot, das er bergen und ins Arsenale transportieren liess. Abgesehen davon, dass Büchel mit ‹Barca Nostra› einmal mehr eine ebenso brachiale wie inhaltlich messerscharfe Arbeit gelungen ist, signalisiert die Referenz hier auch eine kuratorische Gesinnung. Echte Kontroversen und Diskussio­nen sind in Zürich ja durchaus möglich, dies haben in der Vergangenheit Nagelhaus und Hafenkran gezeigt. Daran gemessen bleibt die diesjährige Ausgabe der ‹Gasträume› etwas zahm: Auch die Beiträge von Cristian Andersen, der Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer (Tian Lutz, Mickry 3, Aldo Mozzini, Severin Müller, Niklaus Rüegg), Beatriz González, Florian Graf, Severin Hallauer, Adolf Luther, Mélodie Mousset, Reto Steiner, Veli & Amos und Nicolas Vionnet ändern daran wenig, sie sind allesamt von guter Qualität, Konfrontationspotenzial sucht man jedoch vergeblich. Ein gewisser Hang zum Akademismus macht auch vor den ‹Gasträumen› nicht Halt. Am besten verdeutlicht dies vielleicht das ‹Phantom Monument› von Renata Kaminska, das mit einer Recherche über Rosa Luxemburg begann und in einer Reise zu Orten in Polen mündete, an denen Rosa Luxemburg gewirkt hatte. Die am Ende herausgefundene systematische Löschung des kommunistischen Erbes aus dem öffentlichen Raum, sei es durch die Umbenennung von Strassen, sei es durch die Beseitigung von Skulpturen, ist dabei durchaus interessant; die dieser Erkenntnis zugewiesene künstlerische Form – Skulpturen leerer Fahnenhalter – wünschte man sich hier etwas pointierter.

Bis 
01.09.2019

→ ‹Gasträume 2019›, Zürcher Innenstadt und Zürich-West, bis 1.9.; mit kostenlosen Führungen (auf Anmeldung)
www.stadt-zuerich.ch www.stadt-zuerich.ch/gastraeume-fuehrungen

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