Guillaume Bruère — Gesehenes neu sehen

Guillaume Bruère · Zeichnung nach Arnold Böcklin im Kunsthaus Zürich, 2012, Buntstifte auf Papier, 70 x 50 cm © ProLitteris

Guillaume Bruère · Zeichnung nach Arnold Böcklin im Kunsthaus Zürich, 2012, Buntstifte auf Papier, 70 x 50 cm © ProLitteris

Besprechung

Guillaume Bruère kommt seit Jahren gern nach Zürich, um dort direkt vor Kunstwerken zu arbeiten. Seine erste Einzelausstellung in der Schweiz zeigt mit gut hundert grossen und kleinen Beispielen, wovon sich der Künstler im Kunsthaus oder Schauspielhaus inspirieren lässt, was ihn und uns in Bewegung setzt.

Guillaume Bruère — Gesehenes neu sehen

Zürich — Es sind fesselnde, verführerische Werke, aber warum sie fesseln und verführen, ist nicht leicht zu sagen. Vielleicht weil alles in ihnen vibriert und bei aller Offenheit und mitunter wilden Subjektivität in sich sehr «fraglos» und schlüssig wirkt; voller Atmosphäre ist es sowieso. Und auch das kann man spüren oder man ahnt es: Die (vorübergehende) Aneignung eines Gemäldes, einer Skulptur, eines auf der Theaterbühne gestalteten Augenblicks beruht immer auf (wenn auch verschieden gearteter) Gegenseitigkeit, und was daraus entsteht, ist etwas Dialogisches. Die Betrachterin, der Betrachter in der Ausstellung wird zur Zuschauerin, zum Beobachter eines Beobachters, dessen rasche Hand der raschen Augenarbeit beizukommen sucht. Seiner, Guillaume Bruères Augenarbeit. Der französische Künstler, 1976 in Westfrankreich geboren, lebt und arbeitet in Berlin, wenn er nicht gerade unterwegs ist – in seiner alten Heimat, in Spanien, Österreich oder eben in Zürich, das ihm längst zur «Herzensangelegneheit» geworden ist – und dort in einem Museum oder im öffentlichen Raum zeichnet oder performt. Bruère ist vor allem das: ein obsessiver Zeichner, der wohl auch direkt vom lebendigen Menschen ausgeht, wie es die Schnellzeichner tun, hier aber in seiner charakteristischen Weise fast ausschliesslich von Meisterwerken beziehungsweise den Werken grosser Meister. Die aktuelle Schau, die Kuratorin Mirjam Varadinis zusammen mit dem Künstler klar und abwechslungsreich gehängt hat, zeigt eine präzise Auswahl aus einem umfangreichen Schaffen: wenige grossformatige Einzelwerke und etwas mehr Werkgruppen, die einen davon überzeugen, dass der Künstler zu den Anteil nehmenden Menschen gehört. «… wenn ich in ein Museum gehe ( …), gehe ich schnell durch die Räume und stoppe bloss, wo mich etwas zum Zeichnen aufruft», sagt Bruère. Im Kunsthaus waren das in der vorliegenden Auswahl Böcklins ‹Krieg›, van Goghs ‹Selbstbildnis mit verbundenem Ohr› und verschiedenstes von Giacometti, «mit dem meine künstlerisches Leben begann». Geht also (im Verstandnis von Bruère) die Initiative vom jeweiligen Werk aus, sodass er sich aufgefordert fühlt, eine Fülle von Aspekten, gedankenschnell, herauszuarbeiten? Sein explosiver, wandernder Blick holt, um es pathetisch auszudrücken, Gewordenes ins Werden zurück, schafft punktuelle Gültigkeit, betont die Lücke zwischen «nicht mehr» und «noch nicht». Ob das überdauern wird, ist schwer zu sagen. Faszinierend ist es auf jeden Fall.

Bis 
08.09.2019

→ ‹Guillaume Bruère›, Kunsthaus Zürich, bis 8.9.; Performance bei der Henry-Moore-Plastik, Zürcher Seepromenade, 25.8., 14 Uhr; umfangreiche Publikation (Scheidegger & Spiess) ↗ www.kunsthaus.ch

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Guillaume Bruère 24.05.201904.08.2019 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Künstler/innen
Guillaume Bruère
Autor/innen
Angelika Maass

Werbung