Jack Whitten — Denken in Pigmenten

Jack Whitten · Apps for Obama, 2011, Acryl auf Hohlkerntür, 213,4 x 231,1 cm, Courtesy Zeno X Gallery. Foto: John Berens

Jack Whitten · Apps for Obama, 2011, Acryl auf Hohlkerntür, 213,4 x 231,1 cm, Courtesy Zeno X Gallery. Foto: John Berens

Besprechung

Nachdem das Metropolitan Museum in New York zur Jahreswende erstmals die Skulpturen von Jack Whitten vorgestellt hat, führt der Hamburger Bahnhof in Berlin nun nach seinem Tod die Malerei mit einer ersten Museumsausstellung in Europa ein. ‹Jack’s Jack› ist eine späte Entdeckung!

Jack Whitten — Denken in Pigmenten

Berlin — «The act of applying paint to a surface is an act of infinite possibilities», hat Jack Whitten (1939–2018) einmal gesagt. Der farbenkräftige Einblick in die dynamischen Veränderungen seiner Malerei beginnt mit ‹King’s Wish›, 1968, einer gestisch abstrakten Hommage an Martin Luther King, den der junge Künstler in Alabama kennen gelernt hat. In New York 1960 wird für Whitten das Malen, später begleitet von Skulptur, zum präzisen Instrument der Reflexion von gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklungen. «Painters use paint to construct light and space. We are all construction workers», so der Künstler. In immer neuen Experimenten mit Pigmenten treibt er seine Malerei über den Pinselduktus hinaus: Das Cover der Zeitschrift Artforum von Februar 2012 spielt damit, dass uns durch ein Rakel verstrichene Farben reflexartig an Gerhard Richter erinnern. Doch abgebildet sind Werke von Whitten, der diese Technik bereits um Jahre früher entdeckt hat. ‹Developer› nennt er sein breites Holz an einer langen Stange, mit dem er Farbfelder in einem Zug zu einer Art fotografischem Momentbild «entwickelt». ‹Zulu Tea Parlor›, 1973, steht in Berlin als ein Werk aus dieser Zeit. Andere Bildoberflächen, nahe am Schwarzweiss, erinnern an wissenschaftliche Aufnahmen von entfernten Himmelskörpern, durchzogen von Rasterstrukturen, die der Vermessung dienen könnten. Auch hier finden sich vielschichtige, überraschende Formen des Farbauftrags. Einen grossen Schritt vollzieht Jack Whitten in den Neunzigerjahren mit Bildern, die wie hochkomplexe Mosaiken aus reinen Farbplättchen, Farbsträngen oder von Alltagsobjekten abgegossenen Pigmentflächen aufgebaut sind. Durch ein pixelartiges Raster aus Acryl wird die gewohnte Hierarchie der Bildkompositionen in Schwingung versetzt. «It’s like a wave», hat ihm John Coltrane die Ausdehnung des Jazz in der Fläche erklärt. Tiefblau lässt nun auch Whitten in ‹Apps for Obama›, 2011, eine Welle von Vierecken leuchten, während sich mittendrin durch Farbe applizierte Inserts in Reihen und Linien behaupten.
Die Galerie Zeno X aus Antwerpen hat sich schon früh für den Artist’s Artist engagiert. Posthum beginnt jetzt erst die breite Rezeption von Jack Whitten, der die Malerei entschieden weitergetrieben und diesen materiellen Denkprozess in Texten und Vorträgen reflektiert hat: «It is ridiculous to think of painting as static. Like all organic structures, painting is in constant motion. Being a product of the human spirit, painting is always restless and never comfortable with itself.»

Bis 
01.09.2019
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Jack Whitten 29.03.201901.09.2019 Ausstellung Berlin
Deutschland
DE
Autor/innen
Hans Rudolf Reust
Künstler/innen
Jack Whitten

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