Paradise, lost — Paradise, lost?

Beni Bischof · The End Is Near, 2019, Acryl auf Holz, Holzgerüst, Ausstellungsansicht Kulturort Weiertal

Beni Bischof · The End Is Near, 2019, Acryl auf Holz, Holzgerüst, Ausstellungsansicht Kulturort Weiertal

Esther Mathis · Let me see you like you see me, 2019, Glasbausteine; Zement, Stahl, Ausstellungs­ansicht Kulturort Weiertal

Esther Mathis · Let me see you like you see me, 2019, Glasbausteine; Zement, Stahl, Ausstellungs­ansicht Kulturort Weiertal

Besprechung

Gibt es sie noch, die idyllisch-utopischen Orte, in denen wir ­Zuflucht vom hektischen Alltag finden? Und falls ja, wie gelangen wir dahin? Mit diesen und weiteren Fragen befassen sich die 25 Künstlerinnen und Künstler im Rahmen der diesjährigen Biennale Kulturort Weiertal.

Paradise, lost — Paradise, lost?

Winterthur — «Wie lange dauert das denn noch?», meldet sich eine quengelnde Stimme in meinen Kopf zu Wort. Darf ich vorstellen: die Ungeduld. Und ich weiss, meine Antwort wird ihr nicht gefallen. Da wir gerade vom Bahnhof Wülflingen losgelaufen sind, wird es noch eine gute Viertelstunde dauern, bis wir, weit oben auf dem Hügel, die Biennale erreichen. «Das ist viel zu lange! Gibt’s denn keinen Bus?!» In einer Welt, in der alles schnell geht, ähnelt der gemütliche Spaziergang wohl der gähnenden Langeweile. Also quengelt die Ungeduld und setzt das Gedankenkarussell in Gang; darüber, wo man schon sein müsste und warum es unbedingt noch heute sein muss. Doch je mehr ich mich vom Bahnhof entferne, je ländlicher die Strasse, je höher das Gras der umliegenden Felder wird, desto leiser wird die Stimme; als ob ich durch einen imaginären Tunnel schreiten würde, in dem ich keinen Empfang habe; in dem das Quengeln durch ein Rauschen ersetzt wird und schliesslich verstummt. Und so wird es still. Und ich nehme andere Geräusche wahr: die zwitschernden Vögel, die lachenden Passantinnen, das Quietschen eines Fahrrads. Vielleicht habe ich gerade jene Schwelle überschritten, die Mirko Baselgia (*1982, Lantsch) in seinem Brief beschreibt, der am Eingang der Biennale zu sehen ist. «Du überschreitest die Schwelle in dem Bewusstsein, dass dahinter eine andere als die gewohnte Welt beginnt», schreibt der Künstler und lädt uns dazu ein, den Spaziergang durch den idyllischen Garten des Kulturorts Weiertal barfuss fortzuführen. Und wenn man mal das Gras unter den Füssen spürt, den Wind hört, der durch die Bäume weht, wird das Triviale plötzlich faszinierend. Dass wir verlernt haben, unsere Umgebung wahrzunehmen und mal eine Sende­pause vom schnelllebigen Alltag einzulegen, thematisiert Maureen Kaegi (*1984, New Plymouth) in ihrer Installation ‹Untitled (Raise Your Pranic Capacity)›, die aus zwei grossformatigen Stoffbahnen besteht. Statt eine «temporäre Realitätsflucht», wie sie Kaegi definiert, in der Natur zu finden, eifern wir den leeren Versprechen unserer Konsumgesellschaft nach; jenen Versprechen, die uns vorgeben, mit Yoga die innere Ruhe zu finden – sobald wir das passende Outfit dazu haben. So verstricken wir uns immer mehr in der Realität, von der wir uns doch eigentlich entfernen wollten. Gibt es sie also noch, diese Orte der Zuflucht, nach denen wir uns so sehnen? Oder haben wir den Zugang dazu verloren? Vielleicht liegt der Schlüssel dazu in diesem Garten verborgen. Vielleicht finden wir ihn, wenn wir richtig hinsehen.

Bis 
08.09.2019
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6. Skulpturen Biennale - Paradise, lost 26.05.201908.09.2019 Ausstellung Winterthur
Schweiz
CH

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