Simon Starling — in den Untiefen gestanzter Geschichten

Simon Starling, Ausstellungsansicht ‹Catherine, Masahiko, Rex et les autres›, Le Plateau, Frac Île-de-France, 2019 © ProLitteris. Foto: Martin Argyroglo

Simon Starling, Ausstellungsansicht ‹Catherine, Masahiko, Rex et les autres›, Le Plateau, Frac Île-de-France, 2019 © ProLitteris. Foto: Martin Argyroglo

Simon Starling · Talking, Computing, 2018–2019, Jacquard-Weberei aus Baumwolle, Viskose, computergesteuert, Ausstellungsansicht ‹Catherine, Masahiko, Rex et les autres›, Le Plateau, Frac Île-de-France, 2019 © ProLitteris. Foto: Martin Argyroglo

Simon Starling · Talking, Computing, 2018–2019, Jacquard-Weberei aus Baumwolle, Viskose, computergesteuert, Ausstellungsansicht ‹Catherine, Masahiko, Rex et les autres›, Le Plateau, Frac Île-de-France, 2019 © ProLitteris. Foto: Martin Argyroglo

Besprechung

Seit den Neunzigern ist der 52-jährige englische Künstler für von untergründigem Humor durchlaufene Arbeiten bekannt, die Formen, ihrer Geschichte und deren bewusstseinsbildendem Einfluss auf den Grund gehen. Im Pariser Kunstzentrum Le ­Plateau widmet er sich dem nun mit handwerklicher Exzellenz.

Simon Starling — in den Untiefen gestanzter Geschichten

Paris — Zu gern erinnern wir uns: Auf dem weiten, tiefen, stillen Loch Long sitzen zwei Personen in einem kleinen, mit Dampf betriebenen Holzboot, das sie nach und nach verfeuern, bis sie versinken. ‹Autoxylopyrocycloboros› zeigte 2006 – ­Simon Starling hatte gerade den Turner Prize erhalten –, wie poetisch Konzeptkunst Sein und Werden fassen kann. Das gelingt durch akribische Forschungsarbeit, «fast obsessiv, mit viel Zuwendung zu den Personen, mit denen er arbeitet», sagt Xavier Francheschi. Der Kurator und Direktor des FRAC Île-de-France ist stolz auf die Solo-­Schau mit beeindruckenden Neuproduktionen und aufwändigen Projektionen: In einem 35-mm-Film spielt ein Pianola John Cage, eigens gefertigte Teppiche zeigen wie Paravents im Raum Filmreste mit Stanzlöchern, mit denen Konrad Zuse 1937 seinen ersten Computer fütterte. ‹Catherine, Masahiko, Rex et les autres› vertreten ein kostspieliges Feld: rares Handwerk. Für dessen «Exzellenz» begeistert sich derzeit Paris, Spitzenkunsthandwerk zog bis 26. Mai mit der Biennale ‹Révélations› rund 40’000 Besucher ins Grand Palais. Auch im Plateau löst der schwarze, handpolierte Lacktisch des Urushi-Meisters Masahiko Sakamoto Luxusatmosphäre aus, darüber hängt eine Noh-Maske, von Yasuo Miichi wochenlang mit zahlreichen Farbschichten gemalt. Beleuchtet wird die Szene von zwei handgefertigten länglichen Glühbirnen, deren Wolframdrähte jeweils so lang sind wie Starling und Sakamoto gross. Wem das wie eine verspielte Hingabe an seltenes Handwerk erscheint, sollte die Geschichten lesen, die zu den poetisch-witzigen Ensembles gehören. Typisch für romantische Konzeptkunst geht es um Begegnungen: mit Menschen, Objekten, Gesten, Formen. Begrüsst wird man von ‹Trépido›, einer Handpuppe aus der ‹Sesamstrasse› die 1978 nur für Frankreich geschaffen wurde. Das Video zeigt die Schnecke auf dem Werktisch im Kelleratelier des Plateau, während sie über sich, ihre Geschichte und die Kunst sinniert. Eine so amüsante wie tiefgründige Fortentwicklung der Arbeit ­‹Kami, Khokha, Bert and Ernie›, die der in Basel lebende Künstler Hinrich Sachs bereits 2004 begonnen hatte und für die er nun Catherine Coste ausfindig machte. Einst Synchronsprecherin von Trépido, lädt ihre gealterte Stimme zur anrührenden Zeitreise in französische TV-Geschichte ein. Le Plateau selbst befindet sich in den ehemaligen Studios der französischen Fernsehproduktion SFP. Selbstreferenziell taucht Starling in Beziehungen zwischen Mensch, Handwerk und Maschine, erzählt sie mit sensibler Kraft neu, setzt dem heute brennenden Technologiefieber kühlend verschmitzte, poe­tische Langsamkeit entgegen.

Bis 
21.07.2019
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Simon Starling 16.05.201921.07.2019 Ausstellung Paris
Frankreich
FR
Autor/innen
J. Emil Sennewald
Künstler/innen
Simon Starling

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