Spiegelgeschichten — Im Auge des Anderen

Tomimoto Toyohin · Die Geisha, aus der Serie ‹Sammlung von Gesichtern schöner Frauen›, Edo-Zeit, 1792–1795, Holzdruck, 38 x 25,5 cm, Museum Rietberg Zürich

Tomimoto Toyohin · Die Geisha, aus der Serie ‹Sammlung von Gesichtern schöner Frauen›, Edo-Zeit, 1792–1795, Holzdruck, 38 x 25,5 cm, Museum Rietberg Zürich

Tokyo Rumando · Orphée, 2014, Serie von 5 Schwarzweissabzügen, je 40,6 x 50,8 cm, Courtesy Ibasho Gallery

Tokyo Rumando · Orphée, 2014, Serie von 5 Schwarzweissabzügen, je 40,6 x 50,8 cm, Courtesy Ibasho Gallery

Spiegeldose aus Bronze (Detail, Umzeichnung), griechisch, 4. Jh. v. Chr, 17,2 cm, Abteilung für griechische und römische Kunst, The Metropolitan Museum of Art

Spiegeldose aus Bronze (Detail, Umzeichnung), griechisch, 4. Jh. v. Chr, 17,2 cm, Abteilung für griechische und römische Kunst, The Metropolitan Museum of Art

Nadia Mounier · The Barber Shop, 2015, C-Print, 70 x 100 cm

Nadia Mounier · The Barber Shop, 2015, C-Print, 70 x 100 cm

Memento-Mori-Totenschädel, 1750–1800, Schweiz, Kanton Aargau, Spiegel, Hinterglasbild, 56 x 47,5 cm, Schweizerisches Nationalmuseum/Landesmuseum Zürich

Memento-Mori-Totenschädel, 1750–1800, Schweiz, Kanton Aargau, Spiegel, Hinterglasbild, 56 x 47,5 cm, Schweizerisches Nationalmuseum/Landesmuseum Zürich

Albert Lutz in der Ausstellung ‹Spiegel›, 2019. Foto: Angelika Maass

Albert Lutz in der Ausstellung ‹Spiegel›, 2019. Foto: Angelika Maass

Fokus

Nach 36-jähriger Tätigkeit am Museum Rietberg verabschiedet sich Direktor Albert Lutz mit einer breit angelegten Ausstellung: ‹Spiegel – Der Mensch im Widerschein›. Lutz, dem schon immer daran gelegen war, dass seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Kreativität ausleben können, hat mit seinem Team eine wunderbare Schau gestaltet. 

Spiegelgeschichten — Im Auge des Anderen

Was für ein Thema! Schön und fordernd, unausweichlich und umfassend. Es geht jeden an und jede, denn Selbsterkennung und Selbsterkenntnis, wie sie zum Menschsein gehören, sind ohne Gegenüber, das einen spiegelt und in dem man sich spiegelt, nicht möglich. In den Augen der anderen kommt man zur Welt. Oder, wie es im zweiten Kapitel der Ausstellung in Anlehnung an Sokrates heisst: «Wer sich selber erkennen will, spiegelt sein Eigenes im Blick hinüber zum Andern in dessen Seele. So erfasst er das Göttliche in der Seele des Andern und findet zu sich selbst.» Auch das, was Jean Cocteau so einleuchtend formuliert hat, wird in der Ausstellung an verschiedenen Stellen aktuell: «Les miroirs sont les portes par lesquelles la Mort va et vient.»

Zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit
Man ahnt es: Bei der Schau ‹Spiegel – Der Mensch im Widerschein› geht es ums Ganze. Bald ernst, bald heiter, oft unterhaltsam – facettenreich eben. Manchmal so unerbittlich, wie Spiegel nun einmal sind. Etwa wenn im Gedicht ‹Mirror› von Sylvia Plath der Spiegel in Gestalt eines Sees am Ende sagt: «In me she has drowned a young girl, and in me an old woman / Rises toward her day after day, like a terrible fish.» Je nach Temperament erlebt man, wie zwischen Spiegeln Endlichkeit und Unendlichkeit auf den Punkt gebracht werden und einen der metaphysische Schauder packt. Das alles verdanken die Besucherinnen und Besucher Albert Lutz, der die Idee zur Spiegel-Ausstellung hatte und sie mit einem Team hauseigener und externer Kuratorinnen und Kuratoren beeindruckend schön verwirklicht hat. Der langjährige Direktor des Museums Rietberg, der im November pensioniert wird, sagt es selbst: «Bei der letzten Ausstellung gibt man sich natürlich besonders viel Mühe.» Keine Frage, die knapp dreijährige Vorbereitungszeit hat sich gelohnt. Den Anspruch, «das Spiegelthema erstmals umfassend in den Kulturen der Welt darzustellen», erfüllt die Schau so fantasievoll wie überzeugend. Sie tut dies mit über 220 Werken aus 95 Museen und Sammlungen weltweit, aufgefächert in zwölf Kapitel. Vom viertausend Jahre alten Spiegel aus Ägypten bis zur 2019 für das Rietberg geschaffenen ironischen ‹Mirror fountain› von Li Wei (*1981, Peking) spannt sich der Bogen; Lutz ist selbst ganz fasziniert davon, wie viel Zeitgenössisches in seine letzte Ausstellung Eingang gefunden hat. Mehr noch als in seinen früheren Präsentationen, die ebenfalls einem kulturvergleichenden Thema gewidmet und nach allen Seiten offen waren; erwähnt seien nur ‹Gärten der Welt›, 2016, oder ‹Kosmos – Rätsel der Menschheit›, 2014. Neuestes präsentiert der Hausherr gleich zu Beginn höchstpersönlich. Seine Kreativität und sein Ideenreichtum, denen das Museum so viel verdankt (darunter einst auch die Idee zum unterirdischen Neubau!), verdienen Bewunderung: Zum Auftakt der Schau hatte Lutz eigentlich nur einen passenden Hintergrund für John Gibons selbstverliebten Narziss von 1838 gesucht, der sich als weisse Marmorgestalt über sein Spiegelbild im Wasser beugt – beides muss man sich dazudenken. Doch die Spiegelerfahrungen, die Lutz zu verschiedenen Jahreszeiten filmend an einem Waldweiher in der Region machte, haben sich schliesslich zu einer eigenen filmischen Arbeit ausgewachsen, wo der Weiher als Spiegel der Natur erscheint; als Auge (in) der Natur, in dem sich Grosses spiegelt und Kleines, ja die Unendlichkeit des Himmels. Das ist berührend und zart.
Berührend und abgründig in seiner Tränenmeertrauer ist Bill Violas Video ‹Surrender›, 2001, das die Besucher ebenso wie Narziss und andere ausgewählte Beispiele im ersten Kapitel an den ‹Menschen im Widerschein› heranführt und sie danach, reichhaltig nun, mit Fragen zur Selbsterkenntnis zwischen Geburt und Tod konfrontiert. Auch da, im zweiten Kapitel, wird eine filmische Arbeit nach einer Idee von Albert Lutz gezeigt, an der man sich nicht sattsehen kann. So nah wie kaum je zuvor blickt man ins Auge eines Menschen, der im Rietberg-Park steht, was man daran erkennt, dass sich in seiner Pupille die Villa Wesendonck spiegelt – im Hintergrund, denn auf der Wiese im Vordergrund tanzen sie an, Männer und Frauen, nacheinander, auch mal zu zweit, püppchengross in der Pupille des jeweiligen, von Mal zu Mal wechselnden Auges, das den Hineinschauenden zum Spiegel wird. ‹Spiegelungen in den Augen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museums Rietberg› heisst dieses zauberhafte Werk. Mehr Augen-Blick ist wohl nicht vorstellbar.

Verführer, Öffner, Blick-Erweiterer
Kind und Spiegel, Tod und Spiegel, (fotografisches) Selbstporträt und Spiegel sind einige der Aspekte, die nun folgen; später ist man zur Auseinandersetzung mit magischen, mit heiligen Spiegeln aufgerufen, dem Spiegel als Symbol der Eitelkeit und Weisheit, als Schutz und Waffe oder einfach als Verführer oder Öffner zu anderen Welten. Auch das schöne, gerade in der Mystik gebräuchliche Bild von der Seele, die ein Spiegel ist, in der Gott sich spiegeln kann, gehört hierher. Dabei bietet die Ausstellung, die alte und neue Kunst so überzeugend kombiniert, immer wieder Momente der überraschenden Zusammenschau, ebenso Momente, in denen sich Objektgruppen zu einer Ausstellung in der Ausstellung formieren. Die Vielfalt der Spiegel respektive der Spiegeldarstellungen und Spiegelanwendungen in den verschiedensten Medien ist riesig, egal, ob es sich um kultische, für den häuslichen Gebrauch bestimmte oder sonstwie den Blick erweiternde Spiegel handelt, mögen sie aus dem alten Ägypten, Griechenland, von den Etruskern, Kelten, aus Indien, ­China, dem Iran, Peru oder Nordamerika und, nicht zu vergessen, aus Europa stammen. Grossartiges gibt es da zu bewundern, Einzigartiges, wie der etwa 2300 Jahre alte ­etruskische Spiegel mit der Darstellung dreier Damen bei der Toilette am Wasserbecken, in Kupfer geritzt wie eine Zeichnung von Henri Matisse. Die Vorderseite dieses und anderer alter Spiegel ist längst blind geworden. Der Gedanke, dass alle, die sich einst in ihnen gespiegelt haben, schon lange tot sind, weht einen immer wieder an.

Angelika Maass ist Kulturpublizistin, Autorin, Übersetzerin. a.maass@hispeed.ch

→ ‹Spiegel – Der Mensch im Widerschein›, Museum Rietberg, Zürich, bis 22.9.; umfangreicher und schön bebilderter Katalog mit angenehm kurzen Beiträgen von über 30 Autorinnen und Autoren, ­Wienand Verlag, Köln ↗ www.rietberg.ch

Bis 
22.09.2019

Albert Lutz (*1954, Chur), lebt in Zürich

Studierte Kunstgeschichte, Kunstgeschichte Ostasiens, Deutsche Literatur an der Universität Zürich
1982 Kurator für chinesische Kunst am Museum Rietberg
1991 Dissertation ‹Der Tempel der Drei Pagoden von Dalí – Zur buddhistischen Kunst des Nanzhao- und Dalí-Königreichs in Yünnan, China›
1998 Direktor des Museums Rietberg
2007 Eröffnung des Erweiterungsbaus ‹Smaragd›
2008 Einrichtung einer Provenienzforschungsstelle (Schwerpunkt zunächst jüdisches Raubgut)

Ausstellungen mit kulturvergleichenden Themen am Museum Rietberg
2019 ‹Spiegel – Der Mensch im Widerschein›
2016 ‹Gärten der Welt›
2014 ‹Kosmos – Rätsel der Menschheit›
2010 ‹Mystik – Die Sehnsucht nach dem Absoluten›
2002 ‹Liebeskunst. Liebeslust und Liebesleid in der Weltkunst›
1999 ‹Orakel – Der Blick in die Zukunft›

Ausstellungen/Newsticker Datumabsteigend sortieren Typ Ort Land
SPIEGEL – Der Mensch im Widerschein 17.05.201922.09.2019 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Angelika Maass
Künstler/innen
Bill Viola
Li Wei

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