Thomas Hirschhorn — Robert Walser- Sculpture Biel

Robert Walser-Sculpture, Plattform vor dem Bahnhof Biel, 2019, alle Bilder © ProLitteris. Foto: Enrique Muñoz García

Robert Walser-Sculpture, Plattform vor dem Bahnhof Biel, 2019, alle Bilder © ProLitteris. Foto: Enrique Muñoz García

Robert Walser-Sculpture, Bau der Plattform. 2019, alle Bilder © ProLitteris. Foto: Enrique Muñoz García

Robert Walser-Sculpture, Bau der Plattform. 2019, alle Bilder © ProLitteris. Foto: Enrique Muñoz García

Robert Walser-Sculpture, Einweihung der Brücken, 21. Mai 2019, alle Bilder © ProLitteris. Fotos: Enrique Muñoz García

Robert Walser-Sculpture, Einweihung der Brücken, 21. Mai 2019, alle Bilder © ProLitteris. Fotos: Enrique Muñoz García

Robert Walser-Sculpture, Bau der Plattform. 2019, alle Bilder © ProLitteris. Fotos: Enrique Muñoz García

Robert Walser-Sculpture, Bau der Plattform. 2019, alle Bilder © ProLitteris. Fotos: Enrique Muñoz García

Robert Walser-Sculpture, Bau der Plattform. 2019, alle Bilder © ProLitteris. Fotos: Enrique Muñoz García

Robert Walser-Sculpture, Bau der Plattform. 2019, alle Bilder © ProLitteris. Fotos: Enrique Muñoz García

Robert Walser-Sculpture, Bau der Plattform. Durchblick auf die Bahnhofstrasse. 2019, alle Bilder © ProLitteris. Fotos: Enrique Muñoz García

Robert Walser-Sculpture, Bau der Plattform. Durchblick auf die Bahnhofstrasse. 2019, alle Bilder © ProLitteris. Fotos: Enrique Muñoz García

Thomas Hirschhorn, Palais de Tokyo, Paris, 2014 © ProLitteris. Foto: Alexander Bikbov

Thomas Hirschhorn, Palais de Tokyo, Paris, 2014 © ProLitteris. Foto: Alexander Bikbov

Fokus

«Be an Outsider ! Be a Hero ! Be Robert Walser !» Unter diesem Motto bespielt Thomas Hirschhorn den Bahnhofplatz Biel. Die ‹Robert Walser-Sculpture›, als Projekt der Schweizerischen Plastikausstellung realisiert, ist Hirschhorns erstes Grossprojekt in der Schweiz. 

Thomas Hirschhorn — Robert Walser- Sculpture Biel

Das Gebilde aus Paletten und Sperrholzplatten, das den Bahnhofplatz in Biel füllt, erinnert an ein Fort aus einem Western. Ein Ort der Abenteuer. Vom Material her ist alles ganz einfach. Ganz Hirschhorn eben. Leicht zusammengebaut, leicht wieder aubbaubar. Ein ephemerer Ort, der es allerdings in sich hat. Räume und Winkel, Brücken und Treppen sind in einer verschachtelten Struktur angeordnet. Bis zum 8. September werden sie von diversen Akteuren bespielt, jeden Tag von 10 Uhr bis 22 Uhr. Es gibt Lesungen, Ausstellungen, Bibliothek und Bar, Gespräche, Filme, Dokumentationen, Wanderungen, tägliche Vernissagen, eine projekteigene Zeitung und vor allem jederzeit die Möglichkeit, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Kontakte, Dialoge – das unsichtbare Netz, das sich zwischen Menschen spannt, es bildet die eigentliche Grundstruktur der ‹Robert Walser-Sculpture› in Biel. Eine Besonderheit, die in der Entwicklungsphase des Projekts für Probleme gesorgt hat. «Wir sind in die Architekturfalle geraten», sagt der gebürtige Berner Thomas Hirschhorn (*1957). Und meint damit Diskussionen um Baubewilligungen, um die Klagen von Pendlern, Passanten, Taxifahrern, die das Projekt blockiert und für einen Aufschub um ein Jahr gesorgt haben. Thomas Hirschhorn betont: «Es geht nicht um Kultur, es geht nicht um Architektur. Die Menschen sind wichtig, nicht die Plattform. Die Menschen machen die Skulptur.»

Ein Robert Walser-Fan in der Robert-Walser-Stadt
Die Menschen begegnen sich zum Beispiel im Forum. Das ist eine Art Theater mit breiten Zuschauerrängen. Hier finden Theateraufführungen statt, Lesungen und Vorträge von Dichtern und Denkern. Kurator Hans Ulrich Obrist, Schriftsteller Lukas Bärfuss, Komponist Urs Peter Schneider, der russische Autor Michael Schischkin, die gebürtige amerikanische, in Wien und Berlin lebende Schriftstellerin und Übersetzerin Ann Cotten – die Liste der Lesenden und Lehrenden ist lang und international. Doch neben Fachleuten verschiedener Disziplinen beleben vor allem ganz normale Bielerinnen und Bieler die ‹Robert Walser-Sculpture›. Seit dem Frühsommer 2016 ist der in Paris lebende Künstler regelmässig nach Biel gekommen, in ‹Fieldworks› unterschiedlichen Menschen begegnet. Er hat mit ihnen gesprochen, sich ihre Ideen angehört, ihre Wünsche, Sorgen, Bedenken. Er hat Akteure der Gassenarbeit getroffen und den Leiter der Abteilung Soziales der Stadt Biel, Schülerinnen, AlkoholikerSportler. Und er hat all diese Menschen in sein Projekt integriert. Diese Menschen und das, was sie über sich, über ihre Ziele und Ideen, über ihren Platz in der Gesellschaft, ihr Leben zu sagen haben – das ist das Kunstwerk. Thomas Hirschhorn ist stolz, dass er dieses Projekt verwirklichen konnte. «Es gab viele Rückschläge, Fehler, Mängel», sagt er. Dabei war es doch «längst überfällig, dass der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn auch einmal in der Schweiz ein Projekt verwirklichen kann», sagt Kathleen Bühler. Die Kuratorin Abteilung Gegenwart im Kunstmuseum Bern hat Hirschhorn nach Biel gebracht. Den bekennenden Robert-Walser-Fan in die Robert-Walser-Stadt. Für Thomas Hirschhorn war dieses Setting beflügelnd. Für ihn gab es vom ersten Moment an keine andere Option, als sein Projekt durchzuziehen: «Ich habe Robert Walser versprochen, das zu machen. Es gibt keinen anderen Weg.» Ein Team aus 16 Bielerinnen und Bielern hat von Mitte April bis zur Eröffnung am 15. Juni an der Struktur für die ‹Robert Walser-Sculpture› gebaut. Alle werden bezahlt, und alle arbeiten unter der Leitung von Roman Luterbacher, der viel Erfahrung im Ausbauen und Umnutzen von Räumen und Plätzen hat. Der ehemalige Sozial­arbeiter hat an verschiedenen Projekten mitgewirkt, in denen er mit heterogenen Gruppen einen gemeinsamen Ort erschaffen und bespielt hat. Vor zwei Jahren wurde er mit der Projektgruppe ‹Happy Positive› zur documenta 14 eingeladen. Unter dem Titel ‹Shape The Unknown› tauschten sich die Bieler Aktivisten dort mit ähnlichen Gruppen aus Belgien, der Ukraine und dem Kosovo aus.

Ein Projekt, das sich täglich selbst neu auflädt
Alle Räume und Bereiche der Plattform auf dem Bieler Bahnhofplatz sind klar beschriftet. «Manuskript Seeland»: Hier malt Roland Fischer jeden Tag mehrere gedruckte Seiten aus Robert Walsers Buch ‹Seeland› ab. Das «Institut Benjamenta» wird von dem Poeten und Bauern Pierre Rochat bespielt. Es gibt einen Ausstellungsraum, in dem originale Kunstwerke von Robert Walsers Bruder Karl zu sehen sind. Hirschhorn interessiert die umgekehrte Erfolgskurve der beiden Brüder. Karl, der erfolgreiche Maler, ist heute vergessen, Robert, der arme Poet, zählt zu den namhaftesten Autoren der Schweiz. Die Antihelden sind die wahren Helden. Wenige Schritte weiter die «Capsule du Jour»: Hier hängen kleine Interviews mit den Besucherinnen und Besuchern. Täglich kommt ein neues hinzu. «Das ist wichtig!», sagt Thomas Hirschhorn. «Dass die ‹Robert Walser-Sculpture› sich entwickelt, dass sie sich täglich neu auflädt wie eine Batterie!» Und wie ihr Schöpfer, möchte man anfügen. Denn Thomas Hirschhorn wirkt, egal, wann man ihn in Biel antrifft, stets wie unter Strom.

Alice Henkes lebt in Biel, arbeitet als Redaktorin für Radio SRF2 und als freie Kunstkritikerin und Kuratorin. alice.henkes@bluewin.ch

→ ‹Robert Walser-Sculpture – Schweizerische Plastikausstellung 2019›, bis 8.9., Bahnhofplatz Biel
www.ess-spa.ch www.robertwalser-sculpture.com

Bis 
08.09.2019

«Die Menschen sind wichtig, nicht die Plattform. Die Menschen machen die Skulptur.» Thomas Hirschhorn, Biel

Thomas Hirschhorn (*1957, Bern) lebt in Paris
1978–1983 Studium an der Schule für Gestaltung in Zürich (Grafikklasse)

Einzelausstellungen (Auswahl):
2013 ‹Gramsci-Monument Pavillon›, New York City, Bronx
2011 Aargauer Kunsthaus, Aarau
2008 Wiener Secession
2005 Bonnefantenmuseum, Maastricht, und Pinakothek der Moderne, München
2003 Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main
2001 Kunsthaus Zürich
2000 The Art Institute of Chicago

Gruppenausstellungen (Auswahl):
2006 27. Biennale São Paulo, Brasilien
2002 documenta 11, Kassel
1999 / 2003 / 2011 Biennale di Venezia

Auszeichnungen (Auswahl):
2011 Kurt-Schwitters-Preis, Hannover
2004 Joseph Beuys-Preis, Basel
2003 Rolandpreis für Kunst im öffentlichen Raum
2001 Preis für junge Schweizer Kunst
2000 / 2001 Prix Marcel Duchamp

Autor/innen
Alice Henkes
Künstler/innen
Thomas Hirschhorn

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