Yann Mingard — So ungeheuerlich und gross, dass es Angst macht

Ohne Titel, Kapitel ‹Ice Core›, Institut für Umweltgeowissenschaften, Forschungsgruppe Glace, Grenoble, Frankreich, 2017, Courtesy Parrotta Contemporary Art

Ohne Titel, Kapitel ‹Ice Core›, Institut für Umweltgeowissenschaften, Forschungsgruppe Glace, Grenoble, Frankreich, 2017, Courtesy Parrotta Contemporary Art

Ohne Titel, Kapitel ‹Ice Core›: Eiskernanalyse, Institut für Umweltgeowissenschaften, Forschungsgruppe GLACE, Grenoble, Frankreich, 2017, Leuchtkasten, 120 x 80 cm. Courtesy Parrotta Contemporary Art

Ohne Titel, Kapitel ‹Ice Core›: Eiskernanalyse, Institut für Umweltgeowissenschaften, Forschungsgruppe GLACE, Grenoble, Frankreich, 2017, Leuchtkasten, 120 x 80 cm. Courtesy Parrotta Contemporary Art

Ohne Titel, Kapitel ‹Great Aletsch Glacier›: Grosser Aletschgletscher, Moosfluh, Schweiz, 2017, Inkjet-Print, 127 x 160 cm, Courtesy Parrotta Contemporary Art

Ohne Titel, Kapitel ‹Great Aletsch Glacier›: Grosser Aletschgletscher, Moosfluh, Schweiz, 2017, Inkjet-Print, 127 x 160 cm, Courtesy Parrotta Contemporary Art

Ohne Titel, Kapitel ‹Evolution›: Präparierter Löwe, Summers Place Auctions, Billingshurst, Grossbritannien, 25.11.2015, Inkjet-Print, 145 x 182 cm. Courtesy Parrotta Contemporary Art

Ohne Titel, Kapitel ‹Evolution›: Präparierter Löwe, Summers Place Auctions, Billingshurst, Grossbritannien, 25.11.2015, Inkjet-Print, 145 x 182 cm. Courtesy Parrotta Contemporary Art

Yann Mingard

Yann Mingard

Fokus

Einst war Yann Mingard Gärtner. Landschaftsgärtner. Die ­Natur, besonders die vom Menschen geformte Natur, steht ihm folglich nahe. Seit über zwei Jahrzehnten ist sein Blick auf die Welt aber ein künstlerisch-fotografischer und sein Antrieb der ­rasante Fortschritt der Wissenschaften auf ihrem schmalen Grat ­zwischen Ethik und konkreter Utopie.

Yann Mingard — So ungeheuerlich und gross, dass es Angst macht

Beginnen wir klein – mit der Rückblende auf einen zarten, in vitro kultivierten Bananensetzling. Fotografiert hat ihn Yann Mingard vor schwarzem Nichts in einem Labor für Ertragssteigerung tropischer Nutzpflanzen als Teil seines Langzeitprojekts ­‹Deposit›, das ihn ab 2014 einem breiteren Publikum bekannt gemacht hat. Der Grundton der unter anderem im Fotomuseum Winterthur gezeigten Ausstellung, die von Saat- und Erbgut und damit verbundenen Zeitthemen wie Artenverlust und -wiedererweckung, Gentechnik, Stammzellenforschung und Kryonik handelte, war nüchtern und faktisch. Die Aufnahmen selbst hingegen wirkten mit Ausnahme rarer Farbtupfer wie dem Setzling gewollt sinister: Labors, Kavernen und Wissensspeicher aller Art fungierten als Backdrops und verbanden sich zu einem beklemmenden Umgebungsprofil des modernen Menschen, der sich als Spezies immer höher versteigt.

Vertigo oder Driften durchs Anthropozän
Ebenso brisant ist Yann Mingards Folgeprojekt, das derzeit, kuratiert von Lars Willumeit, im Musée de L’Elysée in Lausanne Premiere feiert. Sein Titel ‹Everything Is Up in the Air, Thus Our Vertigo› ist Jim Harrisons Roman ‹The Beast God Forgot to Invent› entliehen: eine tiefsinnige Wahl, die nicht nur die Vorstellung von völliger Entgrenzung aufruft, sondern auch das Bild eines Geschöpfs, das wie hypnotisiert auf sein eigenes Tun und dessen Auswirkungen starrt. Mingard selbst ist von diesem Kontroll- und Agilitätsverlust natürlich auszunehmen. Die vielen Reisen und die langwierigen Zutrittsprotokolle rund um die Bildproduktion an neuralgischen Orten sind zwar weniger geworden und dem stärkeren Einbezug von Online-Quellen und Referenzen in kulturelle Domänen gewichen. Dennoch atmet das Unterfangen dieselbe, dem Kernthema des Künstlers geschuldete Dringlichkeit: Um nichts weniger geht es hier als um den Wettlauf gegen die Folgen jenes geogeschichtlich relevanten Eingreifens des Homo oeconomicus in den Planeten, das der niederländische Meteo-rologe und Nobelpreisträger für Atmosphärenchemie Paul J. Crutzen vor bald zwei Jahrzehnten mit dem Begriff Anthropozän etikettiert hat. Argumentierte Mingard mit ‹Deposit› eher zukunftsgerichtet, indem er auf technisch Machbares, ethisch aber oftmals Umstrittenes fokussierte, so verschränkt er im aktuellen Projekt Ist-Zustände mit erd- und kulturgeschichtlicher Rückschau. Aufbauend auf Crutzen, der den Übergang vom Holozän zum Anthropozän in die Zeit der industriellen Revolution datiert, schaut auch Mingard zu Beginn auf jene Epoche. In ‹Seven Sunsets› zeigt er Ausschnitte aus Bildern Turners, für deren flammenden Farbaufbau Klimaforscher den Grund im damals hohen Anteil an Vulkanasche in der Stratosphäre erkannt haben wollen. Diese ästhetisch kühnen und so im Doppelsinn vormodernen Belege einer temporär klimakühlend wirkenden Naturkatastrophe paart er mit Webcam-Ansichten des Himmels über China, und zwar aus Städten, deren Luft laut Air Quality Index (AQI) besonders schadstoffbelastet ist. Zum einen schafft er damit eine Verbindung zum prachtvollen Glimmen einer nuklearen Auslöschung, wie sie drohte, als 1968 unweit der Thule Air Base ein US-Jet mit vier atomaren Sprengköpfen ins grönländische Eis stürzte und ein hilfloses, noch immer von Unklarheiten begleitetes Dekontaminierungsprogramm begann (‹Crested Ice›). Zum andern treibt er die Erzählung über das Motiv des vermeintlich ewigen ­Eises und die darin eingelagerten Klimazeugen – Russ, Gase, Pollen – voran, indem er im nächsten, komplett schwarz gestrichenen Raum Leuchtkästen mit Mikroskopbildern hauchdünner Proben von Eiskernbohrungen auslegt (‹Ice Core›). Über 800’000 Jahre Erdgeschichte lassen sich so mittlerweile erschliessen. Dass dabei einige ­frühe Eisschildbohrungen in Wahrheit hochgeheime Militäroperationen kaschierten, wie das nahe der Thule Air Base geplante gigantische «Ice Worm»-Projekt, von dem unlängst auch die Medien berichteten, wundert heute niemanden mehr. Tragik und Ironie liegen eher darin, dass mancherorts bald schon Eile geboten ist, bevor Polkappenschmelze und Gletscherschwund dieses unwiederbringliche Archiv vernichten.

Die grosse Beschleunigung
Um dieses stille Drama des Gletscherrückgangs geht es im nächsten, eigenwillig zu einer Art Kapelle stilisierten Raum. Als «Andachtsbild» dient eine Stelle am Aletschgletscher. Mit Sondererlaubnis des Zuständigen für Gefahrenprävention und von diesem am Seil gesichert, ist Mingard dort einer Erdspalte gefolgt. Keine andere Bildstrecke demonstriert die Brüchigkeit und Haltlosigkeit unserer Gegenwart deutlicher, auch nicht die teils originalgross abgezogenen Aufnahmen von Erdrutschen und Murgängen im Illgraben, die im Untergeschoss den Rundgang beenden (‹Torrential Lava›). Im Goms werden derweil seit 1678 mit päpstlichem Segen von Innozenz XI. in einer jährlichen Prozession höhere Kräfte um Schutz vor der Naturgewalt des Gletschers angerufen, und dies bis heute. 2010 trat allerdings eine vom Präfekten der Talschaft und der Kirchgemeinde Fiesch-Fieschertal bei Benedikt XVI. eingeholte Umkehr des Gelübdes in Kraft, auf dass der Gletscher nicht weiter schwinden solle. Wiederum zeigt sich der Mensch gegenüber dem schieren Ausmass und Tempo der Veränderungen schlicht hilflos. Andererseits wirken Abschirmfolien auf dem Eis, wie sie inzwischen am Rhonegletscher zur Wahrung von Partikularinteressen Usus sind, oder auch der Versuch, kühle Fallwinde an aufgespannten Planen aufzuhalten, nicht minder desolat und ratlos. Wunderglaube und Wissenschaft tragen hier trotz des tiefen Grabens, der sie trennt, das Janusgesicht derselben apotropäischen Haltung. Die Krux, wir wissen es, ist die globale Erwärmung, die im exponentiellen Anstieg einer Vielzahl von zivilisationsbedingten Faktoren begründet liegt. Diese demografisch, soziologisch und vor allem ökonomisch getriebene, schneller und schneller rotierende Spirale führt die Ausstellung zum Abschluss in einem Kontext­raum vor und bringt so das Schwindelgefühl nochmals auf den Punkt. Spätestens hier kommt ­einem als Vordenker einer gesellschaftlich negativ abstrahlenden Beschleunigung bis hin zur Apokalypse des «rasenden Stillstands» Paul Virilio in den Sinn. Mingard kehrt aber nochmals zu Crutzen und dem Leistungsausweis der «Moderne» zurück, um dann seinen Argumentationsstrang über den Soziologen und Anthropologen ­Bruno Latour zu Ende – und zugleich in einer neuen Denkbahn darüber hinaus – zu führen.

Monster der Gegenwart
‹Wir sind nie modern gewesen› lautete 1991 bekanntlich das Verdikt, mit dem ­Latour die im 20. Jahrhundert ad nauseam vorangepeitschte Idee einer Emanzipation von der Natur und das daran gekoppelte Narrativ einer souveränen Human- und Wissenschaftsgeschichte widerlegte. ‹Love Your Monsters›, ein kürzerer Essay von 2011, auf den Mingard sich stützt, liefert hierzu das Update. Erneut plädiert der Autor für die Akzeptanz der seither nur noch enger gewordenen Korrelation von Natur und Technik, die unser Dasein mit all ihren unerwarteten Konsequenzen ganz unromantisch bestimmt. Es brauche die Einsicht, dass das Projekt einer Umweltrettung gescheitert, die Zukunft dank einem sorgsamen Umgang mit dem, was uns ängstigt, aber mitnichten verloren sei. Das Schlagwort der Stunde: Post-Environmentalism. Dass so kein Stillstand droht, ist impliziert, und auch der Anbruch eines Post-Anthropozäns. Vermutlich sehen wir daher auf sibirischen Permafrostböden bald wieder Mammuts grasen. Und wer weiss: Vielleicht durchstreifen dereinst Löwen und Tiger den mit alpintauglichen Bananenstauden begrünten Illgraben und die Moränen am Aletsch. In der Ausstellung sind sie vorerst nur als mitleiderregende taxidermische Manierismen zugegen, als ultimatives Versteigerungsgut für heutige Wunderkammern aus einer Auktion in West Sussex.

Astrid Näff, freischaffende Kunsthistorikerin, Zürich, artescript@bluewin.ch

→ ‹Yann Mingard – Tant de choses planent dans l’air, d’où notre vertige›, Musée de l’Elysée, Lausanne, bis 25.8., Eintritt frei ↗ www.elysee.ch
→ Im Aargauer Kunsthaus zeigt Moritz Hossli eine ebenfalls von Gletscherschwund und Gelübde­umkehr im Goms inspirierte Arbeit: ‹Periglazial›, bis 11.8. ↗ www.caravan.aargauerkunsthaus.ch

Bis 
25.08.2019

Yann Mingard (*1973, Pompaples, VD), lebt in Colombier, NE

1989–1992 Ausbildung zum Landschaftsgärtner
1998–2001 Ecole supérieure d’Art visuel (ESAV, heute HEAD), Genf, und Ecole de photographie, Centre d’enseignement professionnel Vevey (CEPV)
2008 Prix Nicolas Bouvier, Genf
2014 Artist of the Year, Photography Festival, Lianzhou

Einzelausstellungen (Auswahl)
2019 ‹Everything Is Up in the Air, Thus Our Vertigo›, Museum of Photography, Lianzhou
2015 ‹Ligne de fond›, Musée des beaux-arts, Le Locle
2014–2016 ‹Deposit›, Fotomuseum, Winterthur/Museum Folkwang, Essen/FoMu, Antwerpen/ ‹Krakow Photomonth›, Krakau/Gwin Zegal, Guingamp
2004–2012 ‹East of a New Eden›, Galerie Photofusion, London/Espace Arlaud, Lausanne/Atrium, Turin/Forum für Fotografie, Köln

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2017 ‹The Festival of Political Photography›, The Finnish Museum of Photography, Helsinki
2016 ‹Digital Archives›, Kunstverein Hannover
2015 ‹Exo Evolution›, ZKM, Karlsruhe
 

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Yann Mingard 29.05.201925.08.2019 Ausstellung Lausanne
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Astrid Näff

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