Ansichten — Schöner Wohnen für ein gutes Leben

Wohn-Schlafraum von Emmy Graeser in Camille Graesers Zürcher Wohnatelier, Stadelhoferstrasse 33, ca. 1938 © Camille Graeser Stiftung, Zürich. Foto: Emmy Graeser

Wohn-Schlafraum von Emmy Graeser in Camille Graesers Zürcher Wohnatelier, Stadelhoferstrasse 33, ca. 1938 © Camille Graeser Stiftung, Zürich. Foto: Emmy Graeser

Fokus

Ein Bett, ein Regal und etwas Kunst genügen, um sich in diesem Raum zu Hause zu fühlen. Inspiriert vom kleinen, hellen Zimmer von Emmy Graeser schaue ich zurück auf die «Bleiben-Sie-zu-Hause-Zeit». Denn es verspricht nicht nur Geborgenheit, sondern sendet auch ein Statement für Formbewusstsein und damit ein selbstbestimmtes Lebensgefühl aus. 

Ansichten — Schöner Wohnen für ein gutes Leben

Die Wahrnehmung dessen, was mich umgibt, beeinflusst meine Stimmung. «Wir können überall arbeiten und leben, aber die Form der Räume und der Umgebung hat Einfluss auf Wohlbefinden und Kreativität», schreibt der Designer Frank ­Berzbach. Kurz vor der Heirat mit Emmy Rauch (1906–1984) zeichnete der Zürcher Künstler Camille Graeser (1892–1980) für sie beide eine gemeinsame Atelierwohnung mit je einem Wohn-Schlafzimmer. Das Liebespaar möblierte die kleine Wohnung nahe dem Bahnhof Stadelhofen in hellen Farben und organischen Materialien, ganz im Stil des zeitgenössischen «Swedish Modern» aus den 1930er-Jahren. Ich lebe in einer Dreiergemeinschaft in einer Vierzimmerwohnung: Vater, Mutter und das erwachsene Kind. Unsere Wohnung empfinde ich nicht als hässlich – es gibt ein paar stilvolle Details aus Skandinavien und die Aussicht geht über den Zürichsee –, aber im Lockdown fehlte die gewohnte Struktur und darum die Ordnung. Anders gesagt: Es herrschte ein «Puff», weil jeder zu abgelenkt oder zu träge war, seine Sachen wieder wegzuräumen. Das Betrachten dieses Fotos wirkte auf mich wohltuend, denn jedes kleine Ding hat hier seinen Platz, als wäre es innerhalb einer göttlichen Design-Ordnung organisiert. Das Interieur erinnert mich an die Bilder der Junggesellenwohnungen, die mein Vater in den 1950er- und 1960er-Jahren in Schweden bewohnt und fotografiert hat: Ein Bett aus Birkenholz, ein leichter grauer Lehnstuhl, ein Briefbeschwerer aus Glas und Vorhänge des bekannten Designers Josef Frank vor den grossen Fenstern. Denn die schwedische Volksheim-Idee versprach lichtes und schönes Design für alle. An der Wand in Emmys Zimmer hängt eine exotische Maske, sie verkörpert zwischen all der schlichten und modernen Sachlichkeit das Irrationale, welches die sichtbare Welt ins Imaginäre erweitert. Während mindestens zweier Mondphasen – so lange dauerte der Schweizer Lockdown etwa – schien das Gestirn als Ausdruck einer unsichtbaren Kraft in unser ungeordnetes Zuhause. Der vertraute Rhythmus von Steigen und Sinken wirkte beruhigend, wie Flut und Ebbe: Die Wellen von Panik lösten sich ab mit denen der inneren Zuversicht. In dieser seltsamen Zeit schaute ich nach draus­sen ins Universum. Und hey! Das Leben ist eine Summe von Zufällen und folgt keiner Logik. Darum ist es leicht und schön, passt zu leichtem und schönem Design.

Johanna Encrantz, freie Autorin und Fotografin SBF in Zürich. info@johannaencrantz.ch

→ ‹Camille Graeser – Vom Werden eines konkreten Künstlers›, Camille Graeser Stiftung, Wienand ­Verlag, Zürich und Köln, 2020; Monografie zum weit gefächerten Leben und Werk des Künstlers
→ Ansichten: ein Bild, ein Text – Autor/innen kommentieren eine visuelle Vorlage ihrer Wahl

Autor/innen
Johanna Encrantz
Künstler/innen
Camille Graeser

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