Das Grosse Rätsel - Im Wüstenwind

Gizeh, Ägypten, 12.2.2011. Foto: SH

Gizeh, Ägypten, 12.2.2011. Foto: SH

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Das Grosse Rätsel - Im Wüstenwind

Es ist bloss ein leises Säuseln, das dann und wann zu einem Pfeifen anschwillt, zur Ahnung einer Melodie. Mehr nicht. Aber das Säuseln ist eine Sensation, denn wer kann schon behaupten, er habe in Gizeh den Wüstenwind gehört? In gewöhnlichen Zeiten füllen hier die Stimmen von Touristen die Luft. In Kohorten fallen sie vom grossen Busparking her in das Pyramidenfeld ein. Angeführt und beschallt von ihren Centurios, die mehr oder weniger sinnvoll erklären, wie man im schwindelerregend weit entfernten 27. Jahrhundert v. Chr. einen Bau von solchen Dimensionen errichten konnte.
Im Februar 2011, nach Hosni Mubaraks erzwungenem Rücktritt, habe ich – ähnlich wie zurzeit wegen Corona – die ganze Nekropolis praktisch für mich allein. Nur ab und zu dringen die Rufe von Kameltreibern an mein Ohr, die ihre Tiere ziellos zwischen den Pyramiden hin und her lenken, ganz so, als verstünden sie nicht wirklich, warum die Menschenmassen plötzlich ausgeblieben sind, oder als hofften sie, dass vielleicht doch noch ein Tourist vom Himmel falle, direkt in den mit Teppich ausgelegten Reitkorb ihres Dromedars. So dürften die ersten Touristen im 19. Jahrhundert Gizeh erlebt haben, als einen Ort unendlicher Ruhe. Auch ... der sich 1928 vom Anblick der Pyramiden von Gizeh zu ... inspirieren liess, war noch vor der grossen Besucherschwemme im Land. Und jetzt stehe ich hier im Wüstenwind, Ägyptens einziger Tourist. Müsste man nicht fast eine künstlerische Disziplin daraus machen, zur falschen Zeit am rechten Ort zu sein? 

Samuel Herzog, freier Schreiber (Kunst & Kochen). herzog@hoio.org

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Autor/innen
Samuel Herzog

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