Editorial — Narvik lässt grüssen

TITELBILD · Lutz & Guggisberg · Treffen in Narvik / The Narvik Convention, 2018, Öl auf C-Print, 100 x 150 cm (Ausschnitt) © ProLitteris

TITELBILD · Lutz & Guggisberg · Treffen in Narvik / The Narvik Convention, 2018, Öl auf C-Print, 100 x 150 cm (Ausschnitt) © ProLitteris

Editorial

Editorial — Narvik lässt grüssen

Blauer Himmel, ein Smiley. Doch was auf dem verkommenen Stück Land herumliegt, stimmt nicht wirklich heiter. Im Vordergrund aufgerollte Dachpappenreste, über die flach getretene Wiese verstreut Verpackungsmüll, Holzlatten, ein abgefahrener Reifen … Der Titel, ‹Treffen in Narvik› oder ‹The Narvik Convention› klingt harmlos, doch bald schwingen weitere Ebenen mit: Narvik ist nicht nur eine Kommune und ein Ort, der mit Bildern von grün fluoreszierendem Polarlicht und roten Häusern die Touristen anlockt. Narvik ist auch ein Industriehafen, vor dem im Zweiten Weltkrieg die deutsche Marine ihren Zerstörer versenkte, bevor ihn die Briten erbeuten konnten. Schon sind wir abgeschweift, wo waren wir? Bei der Dachpappe? Sind das nun massige Walrosse oder Zerstörer? Und der rote Punkt? Die Mitternachtssonne, eine ballistische Spur, ein formales Echo auf das kugelrunde Gesicht des «Eskimos» und die weisse Scheibe mitten im Bild? Derart gleiten die Gedanken zwischen dem
Gesehenen, Erkannten, Vermuteten, Gewussten und Erwünschten hin und her. Mal bleiben wir da hängen, mal dort. Lutz & Guggisberg sind Geschichtenerzähler. Was sie auszeichnet, ist die Fülle an Details, Stichworten, Querverweisen, die sie uns zuspielen, und die lockere Souveränität, mit der sie uns dann sitzen lassen. Doch wieso erzählen wir uns überhaupt Geschichten? Dazu äussern sich die beiden nicht. Sie erzählen um des Erzählens willen, in schwindelerregendem Tempo und so kurvenreich und differenziert, dass wir uns gerne bei der Hand nehmen lassen. Vielleicht nur, damit wir uns in der Brache nicht zu verloren fühlen, damit uns die schwarzen Dachpappen-Zerstörer nicht zu nahe rücken und damit wir uns die Erfindungskraft bewahren, ohne die wir gegenüber den täglichen Zumutungen und Herausforderungen längst aufgegeben hätten.

Autor/innen
Claudia Jolles
Künstler/innen
Lutz/Guggisberg

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