Gerhard Richter — Spuren des Sehens

Gerhard Richter · Selbstbildnis (10.10.1993), 1993

Gerhard Richter · Selbstbildnis (10.10.1993), 1993

Besprechung

1993 war das Jahr der bis dahin grössten Retrospektive seines Schaffens – und das Jahr, in dem der Künstler so viele Selbstporträts wie nie geschaffen hat. ‹Gerhard Richter – 100 Selbstbildnisse› im Kunst Museum Winterthur ist eine konzentrierte Schau voller Rhythmus und tanzender Linien.

Gerhard Richter — Spuren des Sehens

Winterthur — Auf den ersten Blick vielleicht einfach, doch dann wird es wie immer bei Richter dringend und drängend, weitet sich aus in den Kosmos eines grossen, vielfältigen Schaffens mit seinem «Alles ist möglich» und seinem «Man müsste mehr wissen». 97 von ‹100 Selbstbildnissen›, kleinformatig, eines neben dem anderen, keines, das aus der Reihe tanzt. Zeichnungen, erst aus der Nähe zu erkennen. Wer genau hinschaut, sieht bei jedem Blatt mit dem identisch angelegten Motiv etwas durchschimmern: das Foto des Künstlers, das Manfred Leve 1968 aufgenommen hat und das im Grossformat zusammen mit der Einleitung den Auftakt zur Ausstellung macht. Ein Porträt in Schwarzweiss, ein Brustbild im Profil nach rechts; der Kopf geneigt, der konzentrierte Blick auf etwas ­ausserhalb des Bildes gerichtet. Arbeitet er? Steht er am Fenster seines Ateliers? Das Foto des jungen Gerhard Richter (*1932) eröffnet auch das ­grundlegende Buch ‹Gerhard Richter – Text›, das 1993 erschien. Für die einhundert Exemplare umfassende Vorzugsausgabe schuf Richter je eine ins Buch eingebundene Originalzeichnung. 94 weitere Selbstbildnisse, wie jene auf der Rückseite des Blattes mit der fotografischen Abbildung, sind nun hier zu sehen. Sie zeigen, bald deutlich, bald weniger erkennbar, den reifen Künstler über der Vorlage des von der Rückseite durchscheinenden jungen: die gleiche Bildanlage, nur das Profil nach links und alles der Dynamik der zeichnerischen Bewegung unterworfen. Schonungslos und immer sehr lebendig rückt der Künstler dem Kopf zu Leibe, lässt die Profillinie zart oder kräftig stehen, attackiert oder stützt sie mit Schraffuren und Liniengeflechten, hebt sie auf, umschreibt sie, lässt neuen Raum entstehen, thematisiert die Spuren des Sehens. Etüden für die zeichnende Hand, Variationen eines Kopfbildes in vorgegebenem Rahmen. Neues, anderes über einem (An-)Schein von Realität. Mit Bleistift auf Papier vollzogene Exerzitien. Suchen und Finden, und «jedes Bild ein Spiegel», wie Richter, auch ein Spiegelkünstler, im selben Jahr 1993 sagt. Das Ich aufgehoben im zeichnerischen Zugriff; Anlass, aber nicht Ziel einer formalen Zergliederung. Das alles sind also kaum Antworten auf die Frage «Wer bin ich?», die im Bewusstsein «Ich ist viele» gestellt würden. Und dennoch: Sind nicht auch diese Selbstporträts so etwas wie eine «Selbstvergewisserung» (Richter selbst braucht das Wort), nicht zuletzt auch ferne Verwandte seiner Übermalungen? Beim Interpretieren mag Vorsicht geboten sein. Das Schauen aber ist, wie immer bei Richter, beflügelnd. 

Bis 
04.10.2020
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Gerhard Richter. 100 Selbstbildnisse 21.03.202004.10.2020 Ausstellung Winterthur
Schweiz
CH
Autor/innen
Angelika Maass
Künstler/innen
Gerhard Richter

Werbung