Jean-Luc Godard — Le Studio d’Orphée

Jean-Luc Godard · Le Studio d’Orphée, 2019, Fondazione Prada, Milano © ProLitteris. Foto: Agostino Osio – Alto Piano

Jean-Luc Godard · Le Studio d’Orphée, 2019, Fondazione Prada, Milano © ProLitteris. Foto: Agostino Osio – Alto Piano

Jean-Luc Godard, 2019, Courtesy ­Fondazione Prada, Milano © ProLitteris. Foto: Niccolò Quaresima

Jean-Luc Godard, 2019, Courtesy ­Fondazione Prada, Milano © ProLitteris. Foto: Niccolò Quaresima

Hinweis

Jean-Luc Godard — Le Studio d’Orphée

Mailand — Nach jahrelangem, geduldigem Insistieren hat es Miuccia Prada geschafft, Jean-Luc Godard, den Erfinder der Nouvelle Vague und Meister des Cinéma Pensée, dazu zu überreden – trotz seiner Antipathie gegen Museen – für die Fondazione Prada in Mailand eine Dauerausstellung zu konzipieren. Idee und formale Umsetzung von ‹Le Studio d’Orphée›, einer multimedialen Installation, entsprechen voll und ganz dem Arbeitsansatz und der Struktur von Godards Universum: Indem der Genfer Filmemacher sein Atelier tel quel ins Museum verpflanzt, installiert er ein Set mit seinen bedeutungsvollsten Gegenständen und Bildern und unterstreicht damit die Bedeutung des handwerklichen Aspekts in seinem Metier als Regisseur und in der Condition humaine überhaupt. Sein letzter, in Cannes preisgekrönter Film ‹Le livre d’image› ist eine Bibel der Bilder, ein multimediales Feuerwerk aus dicht verwobenen und überblendeten Filmausschnitten, Tonsequenzen und Kunstwerken und wird direkt ab Final Cut auf einen gigantischen Bildschirm im Raum übertragen. Das testamentarische Werk beginnt bedeutungsträchtig mit dem Satz: «La vraie condition de l’homme, c’est de penser avec les mains.» Das Denken ist ein handwerkliches, konstruktives, das sich in den beweglichen Formen der menschlichen Kultur und schliesslich in der siebten Kunst verwebt und immer wieder auflöst. Das Nachdenken über das Machen von Bildern geschieht in einer Collage digital bearbeiteter Filmausschnitte mit schwarzen Leerräumen und ­überlagerten Ton- und Satzfragmenten. Die Kontraste werden radikalisiert, die Farben saturiert, die Abläufe verlangsamt oder beschleunigt, das Licht überblendet, Elemente wiederholt und der Ton durch ein Echo verfremdet. Die grossen Themen der Menschheit wie Krieg, Gewalt, Migration, Liebe, Trauer, Treue und Verrat verschieben sich so von einer narrativen auf eine abstrakte, bildnerische Ebene und lösen als offenes, dichtes Kaleidoskop freie und eigene Gedankenströme aus. Das Layout der sorgfältig ausgewählten und platzierten Gegenstände im Raum repräsentiert gleichermassen als Montage das offene Denkmaterial des Regisseurs, die Bedingung der handwerklichen Konstruktion seines Werks. Ein Kino, das über die Welt, sich selbst und über den Bezug der Darstellung zum Dargestellten nachdenkt. «L’acte de representer implique presque toujours de la violence envers l’objet representé» hören wir die schon etwas entrückte und heisere Stimme des 89-jährigen Regierevolutionärs sagen.

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