Musée d’art et d’histoire de Genève — Im Aufwind

Musée d’art et d’histoire de Genève · Museumsnacht 2019. Foto: Mike Sommer

Musée d’art et d’histoire de Genève · Museumsnacht 2019. Foto: Mike Sommer

Musée d’art et d’histoire de Genève, Architektur von Marc Camoletti. Foto: Adrien Buchet

Musée d’art et d’histoire de Genève, Architektur von Marc Camoletti. Foto: Adrien Buchet

Musée d’art et d’histoire de Genève, Architektur von Marc Camoletti. Foto: Emmanuel Foëx

Musée d’art et d’histoire de Genève, Architektur von Marc Camoletti. Foto: Emmanuel Foëx

Musée d’art et d’histoire de Genève · Museumsnacht 2019. Foto: Mike Sommer

Musée d’art et d’histoire de Genève · Museumsnacht 2019. Foto: Mike Sommer

Marc-Olivier Wahler. Foto: Mike Sommer

Marc-Olivier Wahler. Foto: Mike Sommer

Fokus

Das MAHG geriet in den letzten Dekaden in den Sog städtischer Tagespolitik, bis ein überdimensioniertes Umbauprojekt 2016 an der Urne scheiterte. Der 2019 berufene Direktor Marc-Olivier Wahler und sein Team arbeiten an einer Neuausrichtung des Museums. Mit der Künstlerkuratorin Jakob Lena Knebl lässt er einen philosophischen Geist aufleben. 

Musée d’art et d’histoire de Genève — Im Aufwind

Seit infolge der radikalen Revolution von James Fazy in Genf die privat gegründeten Museen 1847 verstaatlicht wurden, lenkt der jeweilige Kulturminister die Museen mit Berufung auf oft intransparente Expertengruppen. Anders lief es in Städten wie Basel, wo nach dem Ankauf des Amerbach-Kabinetts 1661 ein Museumsgesetz entwickelt wurde, das unabhängige Aufsichtskommissionen über die öffentlichen Sammlungen vorschreibt. Wohl nur so ist erklärbar, dass besonders das MAHG in den letzten Jahren oft negativ auffiel. Fatal war hier der Versuch der Stadt, durch das Hinunterfahren des Diskursniveaus das breite Publikum für das umstrittene Umbauprojekt von Jean Nouvel zu gewinnen. So wurde 2009 trotz erbittertem Widerstand der Freundeskreise des Museums der damalige hoch geachtete Direktor Cäsar Menz über Nacht einem paternalistischen Museumsmann aus der französischen Provinz geopfert. Es ist zu hoffen, dass die Umsetzung der 2018 angenommenen Initiative, die eine kantonale Koordination des Kulturlebens verlangt, auch eine Verbesserung des legalen Rahmens zeitigt. Inzwischen erscheint es als Segen, dass Marc-Olivier Wahler als Museumsdirektor und Leiter des neuen Umbauprojekts des MAHG gewählt wurde – eine aus der alternativen Kunstszene in Neuenburg entsprungene und international vernetzte, unbestechliche Persönlichkeit. Die Zukunftsfähigkeit des MAHG wird von seinen Vorgaben stark abhängen.

Holderegger: Marc-Olivier Wahler, wie hast du deine neuen Aufgaben angepackt?
Wahler: Das alte Programm läuft schon dieses Jahr aus und ich kann bald mit meinen ersten Ausstellungen beginnen, die ganz von der Idee geleitet sind, dass wir in rund zehn Jahren ein restauriertes, erweitertes Museum eröffnen. Was für ein Museum wird dies sein? Wir werden viele Formate testen, damit es nicht bereits 2030 wieder obsolet wird. Für mich ist die Ausstellung – man spricht selten darüber – das einzige Medium, das man physisch durchquert. Allen anderen steht oder sitzt man gegenüber. Nur in der Ausstellung gibt es diese Zeitlichkeit und Choreografie, die jedem Besuch eigen ist. Alles ist physisch. Ich habe deshalb als Erstes die Künstlerin und Kuratorin Jakob Lena Knebl (*1970, Baden, AT) eingeladen. Sie geht auf geniale Weise mit Objekten um, indem sie den negativen Raum dazwischen miteinbezieht. Aus der Frage, was mit uns dort geschieht, lässt sie eine Form entstehen. Sie schafft Verbindungen und mentale Brücken und wird so das Gebäude und die Sammlung in einem neuen Licht erscheinen lassen.
Holderegger: Wo setzt ihr dabei konkret an?
Wahler: Im Gebäude werden wir die Empfangsräume überdenken – die Information, den Shop und das Café –, sodass man Lust hat zu verweilen. Wir werden Wände entfernen, um die ursprüngliche Transparenz des Gebäudes wiederzufinden. Im MAHG gab es bis in die Dreissigerjahre keine Elektrizität, alles funktionierte mit natürlichem Licht! In Bezug auf die Sammlung werden wir aufhören, Dinge aus aller Welt kommen zu lassen, um sie zwischen Stellwänden in Szene zu setzen. Vielmehr werden wir mit den Sammlungsobjekten des Hauses transdisziplinär arbeiten. Bei zwei Dritteln handelt es sich dabei um vormalige Gebrauchsobjekte, Münzen, Behälter, Altäre, Uhren, die nun wie Kunstwerke behandelt werden. Wir werden die Reflexion über deren ästhetischen Wert zwar fortführen, aber auch versuchen, ihren Nutzwert zurückzuholen.
Holderegger: Letztlich braucht es jedoch eine grosse Spezialisierung, um die Bedeutung einzelner Objektserien auf Augenhöhe der aktuellen Wissenschaften sowie ihre möglichen Botschaften an das Hier und Heute zu sehen. Wie gewinnst du das Team von Konservatoren und Konservatorinnen für dieses Projekt?
Wahler: Sie betrachten mich zurzeit noch als eine flapsige Figur aus dem Bereich der zeitgenössischen Kunst. Aber ich möchte den allesamt hochkompetenten Fachleuten vermitteln, dass viele der Ideen, die ich mit ihnen durchspielen möchte, nicht neu sind. Fotos der Eröffnungsausstellung des MAHG von 1910 zeigen etwa, dass Altarretabel so inszeniert wurden, dass man sich davorsetzen und meditieren konnte. Ich versuche also nicht, das Rad neu zu erfinden. Es geht um das Klären, was in den alten Räumen funktioniert, ohne die Bedürfnisse des heutigen Publikums zu vergessen.
Holderegger: Die Anhänglichkeit des lokalen Publikums an dieses labyrinthische Gebäude führte ja nicht zuletzt 2016 zur Ablehnung des Projekts von Jean Nouvel. Für mich wirkt der von einem Arkadenrundgang gesäumte Hof mit den Stein­skulpturen wie ein Gedicht aus der Epoche von Marcel Proust, Henri Bergson und Aby Warburg, das sich um das Erinnern und Vergessen dreht.
Wahler: Das Gedächtnis ist für mich zentral. Wir werden, sobald es die Lage wieder zulässt, jeden Donnerstag Performances und Happenings anbieten, und zwar unter der Ägide einer Stiftung, die nach einem der ersten Konservatoren benannt ist. Er war Archäologe, machte aber auch Kunstausstellungen und ist deswegen eine etwas mythische Person. Wir werden den Geist dieses Universalgelehrten aufgreifen und Geschichten erzählen, die im Museum verwurzelt sind. So spürt das Publikum, dass es sich an einem Ort befindet, den Menschen mit Interessen für bestimmte Zusammenhänge hervorgebracht haben, nicht in einem Geisterschloss.
Holderegger: Dieses differenzierte Anknüpfen an Traditionen im MAHG erscheint mir wichtig. Die nun im MAHG wieder angestrebte Verknüpfung der Disziplinen war ja nicht immer unproblematisch, sondern hat auch schon totalitäre Züge angenommen, während heute gerade das Aufzeigen der Heterogenität der Stimmen ein grosse Aktualität hat.
Wahler: Das MAHG ist ein Haus der Kunstschaffenden und soll es bleiben. Wir finden in ihm Objekte, hergestellt von Menschen, die irgendwo, irgendwann Kunstschaffende waren und ihrer Epoche den schöpferischen Geist verliehen hatten. Dass wir ein eurozentristisches Museum haben, kann man kritisch beleuchten, aber nicht auslöschen. Dennoch muss es letztlich immer um die Erfindungskraft gehen, die alle diese Formen hervorgebracht hat.
Holderegger: Natürlich gibt es auch Spargründe für die Zusammenlegung der heute auf fünf Orte verteilten Abteilungen am Hauptsitz des MAHG.
Wahler: Das Betriebsbudget des MAHG ist zwar mit CHF 34,5 Mio. enorm. Aber neben den CHF 18 Mio. für 154 Vollstellen, CHF 6 Mio. für Restauration, Konservation und Sicherheit sowie CHF 10 Mio. für den Unterhalt aller Standorte bleiben weniger als CHF 200’000 für Ausstellungen übrig! Und ein Ankaufsbudget fehlt in den meisten Domänen komplett.
Holderegger: Das Budget erscheint exorbitant, dennoch gibt Genf im Vergleich zu anderen Schweizer Städten wenig für seine Museen aus. Aber für eine stärkere Konzentration am Hauptsitz des MAHG scheint es auch besucherlogistische Überlegungen zu geben. So hiess es beispielsweise, dass das Musée Rath aufgegeben werden soll, was allerdings angesichts seiner zentralen Position zwischen der Altstadt und dem Quartier des Bains schade wäre.
Wahler: Wir werden es nicht aufgeben. Während der vier Jahre, in denen das MAHG für den Umbau vermutlich geschlossen wird, werden wir dort Ausstellungen zeigen. Ich würde es begrüssen, wenn die transdisziplinäre Logik, in der wir uns nun innerhalb des MAHG befinden, dort metainstitutionell fortgeführt werden könnte, mit dem Mamco, dem Musée Ariana usw.
Holderegger: Deine Pläne, die Sammlung zusammenzuziehen und darauf zu fokussieren, laufen nicht zuletzt auch auf ein ökologischeres Museum hinaus.
Wahler: Dies ist eine essenzielle Reflexion. In der Kunstwelt sind alle ständig auf Achse. Man lässt Werke kommen, in Riesenkisten, mit Kurieren/innen, auf Lastwagen, in Flugzeugen. Dies ist alles zu einer CO2-Fabrik geworden, wobei ich fürchte, dass dieses Problem in den kommenden Jahren auch in der politischen Debatte über den Nutzen von Museen überhaupt zentral werden könnte.
Holderegger: Ist die Neukonfiguration des MAHG nicht gerade auch eine Chance, ein öffentliches Gebäude energetisch zu minimieren und bei der Neubegrünung der Stadt teilzunehmen? So ruft die Fläche im Bereich Museumsinsel geradezu nach einer Revitalisierung. Zudem frage ich mich, ob in Museen nicht genereller über unsere Beziehung zu Objekten – ihre Produktion, ihren Konsum – nachgedacht werden sollte. Das Anhäufen von Spuren für ewige Zeiten müssen wir wohl ohnehin etwas herunterschrauben, wenn das Bewahren des Lebendigen gelingen soll.
Wahler: Für mich ist dies effektiv die Hauptmotivation! Es sollte in einem Museum auf keinen Fall um die Demonstration einer Macht durch eine Masse spezieller Dinge gehen. Man ist heute sogar weitgehend einer direkten pädagogischen Aufgabe enthoben. Information ist omnipräsent geworden. Wenn ich einen der vielen Nutzen, die Museen heute haben, herausgreifen müsste, dann wäre es der Effekt, dass man aus ihnen voller Ideen herauskommt. Nicht unbedingt über die ausgestellten Werke, sondern über das, was man tun könnte: sämtliche Möglichkeiten. Ein Museum sollte den poetischen, kreativen Geist des Publikums bis in das Persönlichste öffnen. Nach ­einem Besuch sagt man sich vielleicht: «Dieser Maler des 15. Jahrhunderts hatte kein einfaches Leben. Die Zwänge waren extrem. Aber er fand einen Weg, um sich die Welt vorzustellen, wie sie auch noch sein könnte.» Man mag vielleicht realisieren, dass man auf einer zu rigiden Linie unterwegs ist und dass man sich verlieben könnte, dass es Hypothesen und kreative Praktiken gibt, die man aufgreifen könnte.

Katharina Holderegger, Kunsthistorikerin, Kritikerin, Kuratorin, lebt am Genfersee. kholderegger@hotmail.com

→ MAHG: ‹La collection beaux-arts revisitée – dernière étape›/‹L’enfant dans l’art suisse – d’Agasse à Hodler›, bis 31.12. → Cabinet d’arts graphiques: ‹Gilbert Albert – joaillier de la nature›, bis 15.11. ↗ http://institutions.ville-geneve.ch

Bis 
31.12.2020

Marc-Olivier Wahler (*1964, Neuenburg)
1983–1987 Philosophie- und Kunstgeschichtsstudium in Neuenburg und Lausanne
1987–1993 Lehrer am Lycée Denis de Rougemont, Neuenburg
1993–1995 je ein Jahr Konservator am MCBA, Lausanne, und am Mamco Genève
1995–2000 Gründungsdirektor des Centre d’art Neuchâtel
2000–2006 Direktor des Swiss Institute New York
2006–2012 Direktor des Palais de Tokyo, Paris
2016–2019 Direktor Museum Eli and Edythe Broad Art Museum, East Lansing/MI
Seit 2012 Gründungsdirektor der Chalet Society, Paris und Los Angeles
Seit 2019 Gründungsdirektor und Mitverantwortlicher für die Programmation des Art Lab, Paris, und Direktor des Musée d’art et d’histoire de Genève

Musée d’art et d’histoire de Genève MAHG
Standorte: Hauptsitz MAHG, Musée Rath, Maison Tavel – Musée d’histoire urbaine et de vie quotidienne genevoise, Cabinet d’art graphique und Bibliothèque d’art et d’archéologie
Leitung: Marc-Olivier Wahler, Direktor, sechs Konservatoren
Träger: Stadt Genf
Freundeskreise: Société des amis du Musée d’art et d’histoire; Hellas et Roma; Société des arts; Cercle des estampes
Jährliche Mittel: CHF 34,5 Mio. Stadt; Ankaufsbudgets für Horlogerie/Bijouterie aus Versicherungsgeldern nach Diebstahl; für Cabinet d’art graphique aus privaten Zuwendungen
Jährliche Betriebskosten: Löhne ca. CHF 18 Mio. (154 Vollzeitstellen); diverse Standorte Unterhalt CHF 10 Mio.; Rahmungen, Restaurationen CHF 6 Mio., Ausstellungen, ­Publikationen, ca. CHF 200’000
Sammlung: 47’000 prähistorische Objekte, 28’000 antike Objekte, 100’000 Münzen und Medaillen, 23’000 kunstgewerbliche Objekte, 6000 Waffen und Rüstungen, 900 Musikinstrumente, 20’000 Uhren und Kleinode, 6200 Gemälde, 1400 Skulpturen, 25’000 Zeichnungen, 350’000 Drucke, Multiples, Fotografien und Künstlerbücher, über 500’000 Bücher und Kataloge und digitale Ressourcen
Besuchende pro Jahr: rund 200’000–300’000

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Gilbert Albert 09.07.202015.11.2020 Ausstellung Genève
Schweiz
CH
La Collection Beaux-Arts revisitée: Dernière Etape 09.06.202031.12.2020 Ausstellung Genève
Schweiz
CH

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