Pinsel, Pixel und Pailletten — Neue Malerei

Heike Müller · double painting 8, 2017, Öl auf Leinwand, 40 x 50 cm

Heike Müller · double painting 8, 2017, Öl auf Leinwand, 40 x 50 cm

Besprechung

Die zeitgenössische regionale Malerei erhält im Kunstmuseum Thurgau eine wohlverdiente Bühne: Die Gemälde von vierzehn Kunstschaffenden bestechen durch die Geste des Farbauftrags, durch das Spiel mit Reminiszenzen oder den Bruch mit ikonografischen Traditionen.

Pinsel, Pixel und Pailletten — Neue Malerei

Warth — Eine Vielzahl an zeitgenössischen malerischen Ausdrucksformen lädt im Kunstmuseum Thurgau zum ausgiebigen Betrachten ein. Das Setting der historischen Anlage in der Kartause Ittingen schafft hierfür den passenden Rahmen. Den Auftakt bilden kleinformatige Porträts und Landschaften. Die kuratorische Setzung, die klassischen Genres an den Anfang zu stellen, ist eine gelungene kunsthistorische Einführung und wirft die Frage auf, welche Rolle die malerische Darstellung im Zeitalter der Handyfotografie und des Selfie-Sticks spielen kann. Die Bilder von Heike Müller (*1970, Winterthur) oszillieren zwischen nostalgischen Postkartenidyllen und befremdlichen Figurenkompositionen. So mutet ­‹double ­painting 8› von 2017 wie ein typisches Erinnerungsbild eines Familienausflugs an. Auf den zweiten Blick wirken die konturlosen Gesichter und die Frauenfigur, die abgewandt im Schatten steht, beunruhigend und irritierend. Das Gewölbe des ehemaligen Klosterkellers bietet Platz für grosse Formate, etwa für die Gemälde von Ute Klein (*1965, Affoltern), die in ihnen Zeit und Bewegung gleichermassen speichert. Ihr Arbeitsprozess ist geprägt vom Schütten und Kippen der Farben wie auch von der eingehenden Kenntnis ihrer Fliess- und Trocknungseigenschaften. Diese Exponate treten in einen Dialog mit den Malereien von Heidi Schöni (*1953, Frauenfeld), denn in den Werken beider Künstlerinnen ist die Dynamik ein zentrales Element. In Schönis Serie ‹Iguazu› sind die tobende Gischt und die tanzenden Lichtreflexe des südamerikanischen Wasserfalls in einem sich überlagernden Farbauftrag umgesetzt. Etwas weiter hinten zielt eine Installation von Pablo Walser (*1989, Lörrach) auf den Bruch mit ikonografischen Traditionen ab: Überbordende Bildwelten zwischen Comic­-Ästhetik und Demonstrationstransparenten breiten sich über die Wand aus. Die vierzehn Kunstschaffenden aus der Region stehen für ebenso diverse Werkprozesse wie unterschiedliche Haltungen zur Frage, was Malerei im 21. Jahrhundert sein kann oder sein soll. Welchen Stellenwert haben das Original, der Bildträger und der Pinselduktus nach dem «pictural turn» im Zeitalter der digitalen Transforma­tionen? Die Ausstellung konfrontiert uns durch das über 40’000 Jahre alte Medium der Malerei mit Fragen zu unserer Rezeptionskultur, die nicht zuletzt vor dem Hintergrund der gegenwärtigen virtuellen Bilderflut – wie etwa im Zuge des Corona-Lockdowns – eine brisante Aktualität aufweisen. 

Bis 
20.09.2020

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