Potential Worlds 1 — Schöne neue Welt

Monira Al Qadiri · Or–Bit 1, 2016, aus ‹Spectrum 1›, 2016, Ausstellungsansicht Migros Museum für Gegenwartskunst. Foto: Lorenzo Pusterla

Monira Al Qadiri · Or–Bit 1, 2016, aus ‹Spectrum 1›, 2016, Ausstellungsansicht Migros Museum für Gegenwartskunst. Foto: Lorenzo Pusterla

Jakob Kudsk Steensen · Re-Animated, 2018/2019, VR-Installation, VR-Screenshot

Jakob Kudsk Steensen · Re-Animated, 2018/2019, VR-Installation, VR-Screenshot

Besprechung

Wie sieht die Welt von morgen aus? Die Ausstellung im ­Migros Museum für Gegenwartskunst befragt das Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Sie zeigt Missstände auf und entwirft ­utopisch anmutende Zukunftsszenarien, in die wir uns gerne flüchten – vor der Dystopie, die uns möglicherweise erwartet.

Potential Worlds 1 — Schöne neue Welt

Zürich — Vogelgezwitscher empfängt uns aus einer raumgreifenden Voliere. Kanarienvögel und Zebrafinken flattern umher, polstern ihre Nester, machen es sich auf dem gemütlich, was wohl mal ein imposanter Baum war. Nun sind seine Äste abgesägt, der Voliere eingepasst, beladen mit eng aneinandergereihten Büchern über Vogelkunde. Die Tiere kratzen und picken daran, kacken darauf. Hier nimmt die Natur wieder ihren Lauf, bricht aus dem Rahmen aus, den der Mensch für sie geschaffen hat. Doch nur, so weit die Gitter reichen. Schon im ersten Raum macht Mark Dion mit der Installation ‹The Library for the Birds of Zürich› eines der übergreifenden Themen der Schau sichtbar: Der Mensch herrscht über die Natur, um sie zu erforschen und auf die eigenen Bedürfnisse zuzuschneiden. Diese Vereinnahmung wird nicht zuletzt durch die Objekte deutlich, die sich in der Voliere befinden: Kamera und Reisetasche, oder aber künstliche Vogelnester und Holzenten, die wir für dekorative oder kulturelle Bräuche verwenden. In ihnen schlummert der menschliche Drang, Dinge einzuordnen, anzueignen, um sie fassbar zu machen, zu kontrollieren. Und doch scheinen uns die Folgen unseres Handelns längst entglitten. Dies verdeutlichen im selben Raum die auf Satellitenaufnahmen basierenden Werke von Mishka Henner: Surreal wirken die grossflächigen Mastanlagen, die den Optimierungswahn der Fleischindustrie in den Vereinigten Staaten vergegenwärtigen. Denn durch die industriell gesteuerte Ernährung erreicht ein Rind nicht erst nach fünf Jahren, sondern bereits nach 18 Monaten das Gewicht eines ausgewachsenen und somit schlachtreifen Tiers. Abscheulich, denken wir uns, sind aber zugleich gefangen in der wirtschaftlichen Ordnung, die wir selbst geschaffen haben. An der Schnittstelle zur Dystopie bewegen sich auch die Objekte von Monira Al Qadiri. ‹Or–Bit 1› erinnert an einen Bohrkopf, der nun bedrohlich über einem Sockel schwebt. Die Vorstellung drängt sich auf, dass sich das Objekt in organisches Gewebe hineinfrisst, um dieses, wie ein Parasit, auszunehmen. So lange, bis nichts mehr zu holen ist, bis Tiere ausgestorben, Gebiete unbewohnbar sind. Und was dann? So fragt auch Jakob Kudsk Steensen und liefert im Raum nebenan eine Antwort, die nicht weniger dystopisch anmutet. In seiner Virtual-Reality-Installation ‹Re-Animated› hat Steensen die Natur der hawaiianischen Insel Kauai nachempfunden und darin eine ausgestorbene Vogelart zum Wiederaufleben gebracht. Und sofern uns das virtuelle Vogelgezwitscher genügt, birgt die Zukunft eine schöne neue Welt. 

Bis 
11.10.2020

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