Public Art / Kris Martin — Calix

Kris Martin · Calix, 2019, Brunnen, 3,31 m, ø 2,95 m, ­Cortenstahl, Chrom, Wasser­leitung

Kris Martin · Calix, 2019, Brunnen, 3,31 m, ø 2,95 m, ­Cortenstahl, Chrom, Wasser­leitung

Hinweis

Public Art / Kris Martin — Calix

Aarau — Mit freudig gerecktem Haupt trippelt der Zwergspitz auf mich zu, das Zünglein hängt ihm leicht schräg aus dem Maul, der Schwanzbüschel zuckelt lustig hin und her, die glänzend schwarzen Äuglein sind auf mich gerichtet. Er scheint ganz begeistert von der Aussicht auf unsere Begegnung. Ich bin etwas unsicher, ob ich seine Erwartungen werde erfüllen können. Zehn, zwölf Schrittchen noch und er steht vor mir. Fast spüre ich schon, wie seine Vorderpfötchen an meinen Hosenbeinen kratzen. Plötzlich aber jault das Tierchen auf, macht einen Satz zur Seite, senkt den Kopf in Kampfstellung, reisst ihn wieder hoch, kläfft den Himmel an und knurrt um eine Hausecke davon. Ihm nach folgt eine Frau mit einer tätowierten Rose auf dem Oberarm, die auf Portugiesisch in ihr Telefon nuschelt und dabei die grüne Hundeleine wie ein Lasso kreisen lässt. Kaum sind die zwei weg, wird es wieder ruhig auf dem hübschen Platz mitten im Aeschbachquartier. Auf der anderen Seite eines Grünstreifens fahren zwei Männer mit leisem Knacksen einen Teleskoplift zu einem Fenster hoch, entscheiden sich dann aber doch gegen das Putzen, denn schliesslich ist es gleich 17 Uhr. Zeit auch für den bärtigen Agenten des Immobiliengeschäfts, das grosse Office zu verlassen. Mächtiger Protagonist auf der Piazza ist der ‹Calix›, eine mehr als drei Meter hohe Plastik des belgischen Künstlers Kris Martin (*1972, Kortrijk). Sie stellt einen Trinkbecher dar, dessen stark schematisierte Form mich an den Kelch meines Playmobil-Ritters erinnert, der sich nach geschlagener Schlacht gerne einen Schluck in seiner Kartonburg gönnte. Die Plastik ist aus Cortenstahl gegossen, einem Material, das schnell eine dekorative Rostschicht und darunter eine dichte Sperrschicht entwickelt – ein äusserst stabiles Teil also. Der Stahl soll an die industrielle Vergangenheit von Aaraus jüngstem Wohnquartier erinnern, wo unter anderem die Firma Aeschbach ihren «Artofex» herstellte, eine weltweit erfolgreiche Knetmaschine für Bäckereibetriebe.  Der Calix will aber auch der Qualität des Aargauer Wassers ein Denkmal setzen, denn eigentlich handelt es sich um einen Brunnen. Die Schale des Kelchs soll sogar vergoldet sein, was indes nur die Bewohner der oberen Etagen in den umliegenden Häusern sehen können. Für Passanten par terre gibt sich der Brunnen nur dadurch zu erkennen, dass er in einem feinen Strahl auf den Boden des Platzes pinkelt – und so Hunde erschreckt, die plötzlich von dem Nass aus dem Nichts getroffen werden. Eigentlich möchte der Calix die «Community feiern», so Kris Martin, einen Trinkbecher evozieren, den man kreisen lässt. Was mich daran erinnert, wie viele Künstler sich noch bis vor wenigen Wochen darum bemüht haben, unserer distanzierten Gesellschaft Instrumente an die Hand zu geben, die für Berührung, Annäherung, Überschreitung der Individualgrenzen sorgen. Trinken mag heute niemand aus dem ‹Calix›. Tier und Mensch wenden sich lieber an den wenige Schritte entfernten alten Steinbrunnen, der mit einem Schild ausgerüstet ist, das auf die Geniessbarkeit seines Wassers hinweist. Aus einem rostigen Becher mag man eben nicht trinken, auch wenn er ein Herz aus purem Gold hat. Wieder trippeln Zwergspitz und Rosen­dame über den Platz. Das Tier schaut schnöde an mir vorbei in den blauen Himmel, wo ein einsamer Kondensstreifen langsam verblasst. «Ich kann nichts dafür», rufe ich ihm innerlich zu: «Es war die Kunst!» 

→ Oehlerpark ↗ www.artlog.net/de/art/calix

Autor/innen
Samuel Herzog
Künstler/innen
Kris Martin

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