Schweinehunde und Spielverderber

Schweinehunde und Spielverderber · Ausstellungsansicht: Schuhe ausziehen oder nicht?, Museum für Kommunikation Bern, 2020

Schweinehunde und Spielverderber · Ausstellungsansicht: Schuhe ausziehen oder nicht?, Museum für Kommunikation Bern, 2020

Schweinehunde und Spielverderber · Bühne frei – wer lässt die Hemmungen fallen?, 2020, Museum für Kommunikation Bern. Foto: digitale­massarbeit

Schweinehunde und Spielverderber · Bühne frei – wer lässt die Hemmungen fallen?, 2020, Museum für Kommunikation Bern. Foto: digitale­massarbeit

Fokus

Schweinehunde und Spielverderber

Bern — Warum getrauen wir uns nicht, die attraktive Busfahrerin zu küssen? Weil wir Hemmungen haben (und heutzutage auch Masken tragen). Hemmungen begleiten uns in unterschiedlicher Ausprägung fast ein Leben lang und lassen uns, zumindest in nüchternem Zustand, Konventionen einhalten. Was machen Hemmungen – das Wort verweist auf mechanische Konstruktionen – mit uns? Warum gibt es heisse Ohren, wenn jemand völlig hemmungslos über sein Sexleben erzählt? Diesen Fragen geht die auch in den Begleitheften durchgehend zweisprachige, von viel Interaktion lebende Ausstellung ‹Schweinehunde und Spielverderber› im Museum für Kommunikation nach. Vom Eingang führt der Weg durch einen edel eingerichteten Backstage-Bereich zu einem Vorhang, hinter dem eine Bühne lauert und unsere Hemmungen ein erstes Mal herausfordert. To perform or not to perform? Ist diese Klippe mehr oder weniger erfolgreich umschifft, grüsst hinter der nächsten Tür ein perfides Schild: «Rasen bitte nicht …» und die Skizze eines Schuhs. Was nun? Den Rasen gar nicht betreten oder nur ohne Schuhe? Denn über diesen Rasen muss gehen, wer seinen Weg fortsetzen möchte. Badetücher laden hier zum Verweilen ein, jedes mit einem kleinen ‹Radi-Oh› und seinen spannenden Beiträgen ausgestattet. Beim Drehen des Senderknopfs rauscht es ähnlich herrlich wie einst in der Badi aus dem Transistorradio. In den nächsten Räumen kann hinter verschliessbaren Türen erforscht werden, warum in der (scheinbaren) Anonymität des Internets alle Hemmungen fallen gelassen werden. «Es ist ja nur virtuell, es schadet niemandem» wird als Rechtfertigung angeboten. Mit Hemmungen bis hin zum verschämten Schweigen belegt sind hingegen unsere eigentlich natürlichen Körperfunktionen, vor allem wenn sie nicht mehr ‹funktionieren› – wer spricht schon unbefangen davon, Windeln tragen zu müssen? Passend zum Themenfeld ist dieser Raum wie ein Wartezimmer eingerichtet; zudem träufelt zielgerichtete Werbung mit lauter perfekten Menschen von einem grossen Bildschirm. Der Ausgang ist mit Bändern verstellt, und ähnlich dem Check-in-Bereich eines Flughafens gilt es, sich einen Weg durch das Labyrinth an letzten Stationen vorbei zu bahnen, bis zum Schlusspunkt mit einer digitalen Bilderschau der freundlichen Mitarbeitenden, die für die Fotos tief in ihren privaten Alben gegraben haben. Und was machen wir jetzt mit der Busfahrerin? Küssen oder … 

Bis 
02.08.2020

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