Unvergessliche Zeit — Auf einmal alles anders

Markus Schinwald · Ausstellungsansicht ‹Unvergessliche Zeit›, Kunsthaus Bregenz, 2020© ProLitteris. Foto: Markus Tretter

Markus Schinwald · Ausstellungsansicht ‹Unvergessliche Zeit›, Kunsthaus Bregenz, 2020
© ProLitteris. Foto: Markus Tretter

Helen Cammock · They Call it Idlewild, 2020, Ausstellungsansicht ‹Unvergessliche Zeit›, Kunsthaus Bregenz, 2020, Courtesy Kate MacGarry Gallery, London. Foto: Markus Tretter

Helen Cammock · They Call it Idlewild, 2020, Ausstellungsansicht ‹Unvergessliche Zeit›, Kunsthaus Bregenz, 2020, Courtesy Kate MacGarry Gallery, London. Foto: Markus Tretter

Besprechung

Das Kunsthaus Bregenz versteht sich in wörtlichem Sinne als Institution für die zeitgenössische Kunst. Spontan wurden die erzwungenen Verschiebungen im Ausstellungsprogramm genutzt und die Gegenwart ins Haus geholt. Sieben internationale Kunstschaffende reflektieren in ihren Werken die Coronakrise.

Unvergessliche Zeit — Auf einmal alles anders

Bregenz — ‹Unvergessliche Zeit› – ein poetischer Ausstellungstitel, einer, der bis vor wenigen Monaten wohl überwiegend positiv besetzt war: Wenn es gelingt, in unserer schnelllebigen Welt unvergesslich zu bleiben, ist allein dies schon denkwürdig. Doch plötzlich sind die Zeiten überall und für alle unvergesslich. Das Kunsthaus Bregenz hat flink reagiert und zeigt eine Ausstellung mit Arbeiten, die auf die gegenwärtige Situation reagieren; bis auf eine Ausnahme: Markus Schinwald hat bereits in den 1990ern Porträts aus der Biedermeierzeit überarbeitet und den Dargestellten zahnspangenähnliche Drahtgestelle verpasst – und Masken. Sie bedecken mal den Mund, mal das ganze Gesicht und sind individualisierte, integrale Bestandteile der Porträts geworden. Ob Maske oder Zahnspange – der Mensch ist mit Hilfsmitteln unterwegs. Unwillkürlich erinnern sie an Freuds ‹Unbehagen in der Kultur›, wo der Mensch geschildert wird als «recht grossartig, wenn er all seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu schaffen». Während Schinwalds Arbeiten im obersten Stockwerk des Hauses zur einer fast schon klassischen, dichten Gemäldeausstellung komponiert sind, erhält Helen Cammock die gesamte darunterliegende Etage für eine einzelne Arbeit. Das passt, denn das Thema der Turnerpreisträgerin ist die Einsamkeit, die ebenso in Verlorenheit wie in produktives Innehalten kippen kann. Videoaufnahmen eines alten Hauses in ­einer Brachenlandschaft und sorgfältig ausgewählte Texte loten den Unterschied zwischen Müssiggang und schöpferischer Stille aus. Die Befindlichkeit des künstlerischen Ich zieht sich als Thema durch viele Arbeiten, auch jene von Annette Messager oder von William Kentridges Centre for the Less Good Idea. Die Französin präsentiert ihre neu entstandenen, anrührenden Aquarelle von Schädeln und Köpfen. Leider nimmt ihnen die eigenwillige Hängung als eine wandhohe, auf der Spitze stehende Dreiecksform viel von ihrer Eindringlichkeit. Das um Altstar Kentridge formierte Kollektiv präsentiert in einminütigen Sequenzen, was noch möglich ist, wenn nur noch eigene Körper, eine Kamera oder Stifte und Papier zur Hand sind. Immer wieder sind die Künstlerinnen und Künstler ihr eigenes Sujet, sie zeigen Tanz-, Scherenschnitt- und Zeichensequenzen: Die Isolation führt zu neuen Formaten und holt auch zu Unrecht Vernachlässigtes ins Licht. 

Bis 
30.08.2020

→ ‹Unvergessliche Zeit›, Kunsthaus Bregenz, bis 30.8. ↗ www.kunsthaus-bregenz.at

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