Adolf Wölfli

Adolf Wölfli mit Beret, um 1920, Adolf Wölfli-Stiftung, Kunstmuseum Bern

Adolf Wölfli mit Beret, um 1920, Adolf Wölfli-Stiftung, Kunstmuseum Bern

Valie Export · Einkreisung, 1976, ­Fotografie, s/w, koloriert, Abzug auf Fotopapier, 36 x 57,3 cm, Kunstmuseum Bern © ProLitteris

Valie Export · Einkreisung, 1976, ­Fotografie, s/w, koloriert, Abzug auf Fotopapier, 36 x 57,3 cm, Kunstmuseum Bern © ProLitteris

Hinweis

Adolf Wölfli

München — Genie und Wahnsinn dürften sich selten sichtbar so nah kommen wie im Werk von Adolf Wölfli (1864–1930): Seinen überbordenden Bilderkosmos schuf er als Insasse der Heil- und Pflegeanstalt Waldau bei Bern. ‹Bis ans Ende der Welt und über den Rand› heisst die Schau im Museum Villa Stuck, die – parallel zur Präsentation im Zentrum Paul Klee (→ S. 104/105) – dessen Kunst derzeit mit 70 beispielhaften Blättern aller Schaffensphasen aus der Berner Adolf Wölfli-Stiftung zeigt.
Geboren wurde Wölfli im Emmental als jüngstes von sieben Kindern. Der Vater verliess die Familie, die Mutter starb, als er neun Jahre alt war. Er wurde als Verdingbub auf Bauernhöfen untergebracht. Als Arbeitssklave ausgenutzt, wurde er zunächst Opfer, dann selbst Täter: Wegen sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen kam er 1890 ins Zuchthaus und ab 1895 mit der Diagnose Schizophrenie lebenslang in die Psychiatrie.
Dort wurde Wölfli zum besessenen Zeichner, füllte bis zu seinem Tod rund 25’000 Blätter bis an den Rand mit Zeichnungen. Aufgrund seiner Neigung zum Jähzorn isolierte man ihn ab 1919 von den Mitinsassen. In seiner Einzelzelle entwarf er eine hochkomplexe Parallelrealität wie die ‹Skt.-Adolf-Riesen-Schöpfung›, in der er Weltenschöpfer und Regent war.
Dass sich etwa zeitgleich ein anderer Adolf zur Weltherrschaft aufmachte, ist eine bizarre Koinzidenz. Noch irrer ist: Der andere galt nicht als geisteskrank. Den Grössenwahn, der in Adolf Wölflis Bildvisionen steckt, konterkariert Kurator Roland Wenninger, indem er u. a. die zarten Schriftbilder von Wölflis Mitpatientin Konstanze Schwartzlin-Berberat danebenstellt.
Der Psychiater Walter Morgenthaler hatte in der Waldau das Zeichnen seiner Schützlinge gefördert und ihre Werke in den Krankenakten aufbewahrt. Über Wölfli verfasste er 1921 die viel beachtete Biografie ‹Der Geisteskranke als Künstler›. Harald Szeemann war es, der Wölflis wundersames Werk für die documenta 5 von 1972 entdeckte. Wo endet die «Normalität» und wo beginnt der Wahnsinn? Wenninger will auch zeigen, dass die Unterscheidung der so genannten Outsider Art marktgemacht ist, aber inhaltlich kaum sinnvoll. Dafür holte er Arbeiten von Kollegen, die im Kunstbetrieb als Grenzgänger berühmt wurden, darunter Frühwerke von Beuys, Kiefer und Baselitz. Und wer Bewusstseinserweiterung ohne Drogen testen möchte, kann so lange auf den Nachbau der von den Beatniks Brian Gysin und Ian Sommerville entwickelten ‹Dreammachine› mit Stroboskop-Effekt starren, bis er oder sie in Trance gerät und farbige Visionen sieht.
Aber auch Wölflis Machismo hält Wenninger inhaltlich einiges entgegen. Die Werke von Künstlerinnen, darunter von Valie Export und Nezaket Ekici, spielen provokant mit männlichen Machtfantasien und weiblichen Opferrollen. Eine sinnfällige Ergänzung, ohne die dieses faszinierende Borderline-Opus möglicherweise schwer verdaulich bliebe. 

Bis 
25.07.2021
Institutionen Land Ort
Villa Stuck Deutschland München
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Bis ans Ende der Welt & über den Rand – mit Adolf Wölfli 29.04.202125.07.2021 Ausstellung München
Deutschland
DE
Künstler/innen
Valie Export
Adolf Wölfli
Autor/innen
Roberta, De Righi

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