Adolf Wölfli — Die Welt als Riesen=Schöpfung

Adolf Wölfli · Höhn=Riesen=Mooss=Villen, Gamppanien, Schlösser, Thürme und Park, 1919 Bleistift, Farbstift und Collage auf Papier 100 x 71,8 cm, Adolf Wölfli-Stiftung, Kunstmuseum Bern

Adolf Wölfli · Höhn=Riesen=Mooss=Villen, Gamppanien, Schlösser, Thürme und Park, 1919 Bleistift, Farbstift und Collage auf Papier 100 x 71,8 cm, Adolf Wölfli-Stiftung, Kunstmuseum Bern

Besprechung

Adolf Wölfli war von 1895 bis zu seinem Tod in der psychiatrischen Heilanstalt Waldau in Bern interniert. Er schuf dort ein ­gigantisches Œuvre. Das Zentrum Paul Klee zeigt eine Schau, die neben seinen Schriften, Collagen und Zeichnungen auch seine gewaltigen, selbstgebundenen Hefte präsentiert.

Adolf Wölfli — Die Welt als Riesen=Schöpfung

Bern — Ein schmaler Gang führt in die Ausstellung. Das Licht leicht gedimmt. Die Wände in einem dunklen, erdigen Aubergine-Ton. Darauf hängen frühe Zeichnungen von Adolf Wölfli (1864−1930). Die Motive ähneln einander. Überall durchziehen vielfach verschlungene, verwickelte Bahnen die Bildflächen – sie scheinen wie Wege in Wölflis wunderliche, grenzenlose Geistreisen.
Geboren im Emmental, wächst Adolf Wölfli in sehr ärmlichen Verhältnissen auf. Seit seinem neunten Lebensjahr muss er als Verdingbub, später als Knecht und Handlanger schuften. Mehrfach wird er wegen sexueller Übergriffe auf Minderjährige verhaftet. Mit 31 Jahren wird er in die Waldau eingewiesen, die er nie mehr verlassen wird. In der Heilanstalt beginnt er zu zeichnen. Auf über 25’000 Seiten entsteht seine ‹Skt. Adolf Riesen=Schöpfung›, eine eigene Welt, die rätselhaft und fantastisch wirkt. Immer wieder waren in den letzten Jahren kleinere Ausstellungen mit Einblicken in Wölflis Welt und Werk zu sehen. Das Zentrum Paul Klee breitet Wölflis Zeichnungen und Erzählungen jetzt erstmals in einem umfassenden Rahmen aus.
Der gedimmte Gang am Beginn des Parcours öffnet sich auf einen grossen Saal mit meterlangen Tischvitrinen, in denen zahlreiche Seiten aus der ‹Riesen=Schöpfung› aufgeblättert und ausgelegt sind. Mit staunendem Blick reist man in diesen Künstlerkosmos, der keinen Anfang und kein Ende zu kennen scheint. Und das nicht nur aufgrund der Fülle der Blätter. Ob Wölfli mit Mustern arbeitet, mit abstrahierten ­Figuren, die stets ihm selbst ähneln, mit Noten, mit Schrift, mit Zahlen: Immer wirken die Bilder elliptisch. Nietzsches Diktum von der ewigen Wiederkehr des Gleichen kann einem da in den Sinn kommen. Durch die rhythmischen Wiederholungen der Motive entsteht eine Ordnung, eine meditative Ruhe. Möglicherweise war das ein Effekt, den Wölfli gesucht hat: Der Bleistift als Barbiturat. Das heisst nicht, dass Wölfli nicht auch wach geblieben wäre für die Erscheinungen der Aussenwelt, die er in seinen Kosmos integriert und neu interpretiert. Ob Annoncen für Fleischextrakt, Ernst Haeckels Zeichnungen von Wasserorganismen oder Fotografien gesellschaftlicher Ereignisse: Wölfli verleibt diese Ausschnitte aus Zeitungen und Zeitschriften seiner Kunst ein und gibt ihnen so eine neue, von heute aus gesehen oft überraschende Bedeutung. Kein Wunder, tauchen seine «Kopfreisen» seit Szeemanns Schau ‹Gesamtkunstwerk› immer wieder im zeitgenössischen Kunstkontext auf. 

Bis 
15.08.2021

→ ‹Riesen=Schöpfung – Die Welt von Adolf Wölfli›, Zentrum Paul Klee, bis 15.8.; Katalog und Neuauf­lage von Walter Morgenthalers ‹Ein Geisteskranker als Künstler − Adolf Wölfli›, Bern 1921 ↗ zpk.org

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Riesen=Schöpfung — Die Welt von Adolf Wölfli 21.05.202115.08.2021 Ausstellung Bern
Schweiz
CH
Autor/innen
Alice Henkes
Künstler/innen
Adolf Wölfli

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