Akropolis-Felsen ade — Chronik eines angekündigten Verbrechens

Akropolis, März, 2021, neu gegossene Stahlbetonterrasse zwischen Propyläen, Erechtheion und ­Parthenon. Foto: Tasos Tanoulas

Akropolis, März, 2021, neu gegossene Stahlbetonterrasse zwischen Propyläen, Erechtheion und ­Parthenon. Foto: Tasos Tanoulas

Dimitris Pikionis · Pfad auf dem Filopappou-Hügel, Athen, erbaut 1954–58. Foto: Werner Egli

Dimitris Pikionis · Pfad auf dem Filopappou-Hügel, Athen, erbaut 1954–58. Foto: Werner Egli

Fokus

Seit Ende 2020 finden auf dem Akropolis-Felsen alarmierende Eingriffe statt, die dessen Aussehen und Authentizität verändern. Die irreversiblen Massnahmen werfen Fragen auf – nach der Macht von privaten und politischen Akteuren und danach, wie Kulturdenkmäler für Touristenströme zugänglich gemacht werden können, ohne sie zu zerstören. 

Akropolis-Felsen ade — Chronik eines angekündigten Verbrechens

Die emblematischste archäologische Stätte Griechenlands wird zurzeit durch riesige Massen Stahlbeton terrassiert und bis im Sommer werden weitere dramatische Veränderungen stattgefunden haben. Die erste Etappe des Eingriffs verlief schnell und reibungslos, unter Umgehung des institutionellen Rahmens, der für jegliche Arbeiten an antiken Denkmälern, insbesondere der Akropolis (Unesco-Weltkulturerbe, 1987), gesetzlich vorgeschrieben ist. Gleichzeitig bemühte sich das Ministerium, die notwendige Legitimation im Schnellverfahren nachträglich zu erlangen. Die Hauptakteure des Eingriffs sind: Antonis Papadimitriou, der mächtige Präsident der Onassis-Stiftung, welche die «Aufwertung der Infrastruktur» auf dem Akropolis-Felsen als «Teil einer grösseren Strategie» bezüglich des Profils von Athen finanziert, Professor Manolis Korres, Architekt und ehemaliger Leiter des Parthenon-Restaurierungsprojekts bis 1998, und Lina Mendoni, die Kulturministerin der Regierung Mitsotakis.
Der Weg zum Parthenon ist schon heute durch eine für Touristen angelegte Stahlbetonallee unwiderruflich verunstaltet, auch wenn diese angeblich ganz nach Vorschrift errichtet worden ist. So stellte es jedenfalls die Kulturministerin Mitte April vor dem griechischen Parlament dar, als sie (mit nicht wenig Ironie) auf den Aufstand der Opposition reagierte. Dennoch schwillt jetzt eine einmalige Protestwelle griechischer Kulturinteressierter und internationaler Experten gegen diese Schändung der Akropolis an. Archäologinnen, Historiker, Intellektuelle, Architektinnen, Hellenisten aller politischen Richtungen, ausgenommen der extremen Rechten, lancierten eine Petition, welche die Einrichtung institutioneller Verfahren für solche Fälle fordert.
Die geplanten neuen Terrassen auf mehreren Ebenen sollen «zur richtigen Würdigung» des Denkmals beitragen. Zudem soll eine «römische Treppe» aus dem 1. Jh. n. Chr. am westlichen Zugang zur Akropolis aus Marmor rekonstruiert werden, um die Touristenströme zukünftig über die antike Prozessionsstrasse zu lenken.
Was «sehen» die Demonstrierenden? Sie sehen, dass die Eingriffe das sorgfältige Gleichgewicht zerstören, das seit der Antike auf dem Felsen der Akropolis zwischen der Landschaft und den Baumassen (Parthenon, Erechtheion, Propyläen, Tempel der Athena Nike) herrscht. Die Fläche des Akropolis-Felsens beträgt etwa 27 Hektaren und die Gebäude nehmen einen Drittel dieser Fläche ein. Der Rest wurde kahl gelassen und ist heute Teil eines eindrücklichen Zusammenspiels von Natur und Kultur. Mit den neuen Bauten wird praktisch die gesamte Fläche des Denkmals mit Stahlbeton bedeckt. Die Naturlandschaft und der Fels werden als Naturdenkmal entwertet, es gibt keine Regenwasserabflüsse, die wertvollen archäologischen Zeugnisse verschiedener Epochen und die Fundamente von Denkmälern werden für immer unter massiven Stahlbetonplatten verschwinden. Es war Tasos Tanoulas, der Architekt, der seit mehr als drei Jahrzehnten für das Propyläen-Restaurierungsprojekt verantwortlich ist, der als Erster Informationen und wissenschaftlich fundierte Kritik zum gewaltigen Betonierungsprojekt auf der Akropolis veröffentlichte. Er wies auf frühere, viel subtilere Interventionen hin, die auf eine ästhetische Integration mit der Umgebung achteten, sodass der Felsen, die grossen Monumente und die Überreste der kleineren als Ganzes wahrgenommen werden. Die damals verwendeten Materia­lien – Schotter, Kalkmörtel und Zement –, das Fehlen von Metallverstärkungen und das technische Vorgehen garantierten Reversibilität und Wasserdurchlässigkeit. Er schlug auch vor, dass der Strom der Touristen (2019 waren es über 3,5 Millionen) über die gesamte Dauer der Öffnungszeiten der Anlage verteilt werden sollte.

Wie man das symbolische Kapital nutzt
Im September 2020 wurde die neue, spektakuläre Beleuchtung des Akropolis-Felsens gefeiert und im Dezember wurde der Bau des Schrägaufzugs für Personen mit Mobilitätseinschränkungen abgeschlossen (ein Ersatz für den 2004 installierten Plattformlift). Beide Projekte wurden durch eine Spende der Onassis Public Benefit Foundation in Höhe von € 1,7 Millionen realisiert. Als darauf negative Kritik laut wurde, verteidigte Manolis Korres, der Vorsitzende des Komitees für die Erhaltung der Akropolis-Denkmäler (ESMA), die erste Phase der Stahlbetonierung als Auftakt einer grösseren Intervention, die vom Kulturministerium allerdings noch nicht offiziell kommuniziert worden war. Als dieses Mitte April 2021 vor dem Parlament erstmals Rechenschaft über die Manöver ablegen musste, beteuerte die Kuturministerin Lina Mendoni, alles sei «in Übereinstimmung mit dem Gesetz 4182/2013» geschehen.
Alles hätte anders kommen können, wenn die Hauptakteure andere Sensibilitäten und ein anderes Pflichtbewusstsein gezeigt hätten. Stattdessen bedient sich die politische Führung in einer Zeit der vielfältigen Krisen des kulturellen Erbes der Antike, um innen- und aussenpolitisch für sich zu werben. Der Schifffahrtsgigant Onassis seinerseits verbessert sein soziales Profil sowie seine Sichtbarkeit, indem er seinen unternehmerischen Geist mit dem Glanz eines der führenden Symbole der Geschichte der Zivilisation und der Demokratie verbindet. Es ist kein Zufall, dass der Schenkungsvertrag die Anbringung eine Onassis-Gedenktafel auf der Akropolis vorsieht.

Wer trägt die Verantwortung für das kulturelle Erbe?
Natürlich ist dies nicht das erste Mal, dass das Kulturministerium eine Partnerschaft mit dem privaten Sektor eingeht. Seit 2008, dem Beginn einer Periode schwerer sozialer Unruhen, ergriffen mehr und mehr gemeinnützige Stiftungen und private Organisationen die Initiative zu Spenden für kulturelle Programme, die vor allem die Produktion und Vermittlung zeitgenössischer Kultur stimulieren sollen. Zugleich sicherten sich die mit mächtigen Wirtschaftsverbänden verflochtenen Akteure staatliche Zugeständnisse. Ein Beispiel ist die Schenkung des Kulturzentrums mit Natio­nalbibliothek und Oper der Stiftung Stavros Niarchos 2018. Der aktuelle Fall führt jedoch viel weiter, so sprach die Kulturministerin Mendoni von einer «Aufwertung des Images der Akropolis». Was bedeuten diese Worte? Bisher dachte man, dass das kulturelle Erbe des modernen Griechenland in der Verantwortung des Staates liegt, als starkes Element der nationalen Identität. Das energische Auftreten der Onassis-Stiftung signalisiert einen neuen Ansatz in Bezug auf die mögliche Neuausrichtung des kulturellen und symbolischen Kapitals Griechenlands (wie es Pierre Bourdieu formuliert hat). Dies ist bedenklich, gerade weil solche Interventionen mit einer willkürlichen Eigendynamik, ohne wissenschaftlichen Austausch und ohne rechtlichen Rahmen vor sich gehen und auf kontroversen ideologischen Parametern basieren.
Erhellend ist ein Spaziergang auf dem Hügel Filoppapou gegenüber der Akropolis auf den Spuren von Dimitris Pikionis. Der griechische Architekt gehörte zu einer Bewegung von Intellektuellen und Künstlern, die im 20. Jahrhundert versuchten, die griechische Tradition in die Moderne zu führen. In den 1950er-Jahren gestaltete er die Fusswege auf dem Filopappou-Hügel sowie diejenigen zum Eingang der Akropolis neu und schuf damit eine umfangreiche Land-Art-Installation, lange bevor dieser Begriff geprägt wurde. Seine Pfade mit wiederverwendeten und neu behauenen Stein- und Marmorplatten sind so subtil in die Umgebung eingepasst, dass man nicht weiss, welche Teile neu gebaut wurden und welche schon immer da waren. Solche Feinheiten sind bei der jetzigen Betonierung auf dem Felsen der Akropolis nicht zu erkennen.

Mikela Chartoularis, Journalistin für kulturelle Themen, lebt in Athen. mikela.loximatia@gmail.com
→ gekürzter Text; Originalfassung und weitere Dokumente ↗ www.artlog.net/de/notebooks

Autor/innen
Mikela Chartoularis

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