Aldo Mozzini — Der Flaneur als Städtebauer

Aldo Mozzini beim Einrichten der Ausstellung ‹Stadt im Museum. Part I›. Foto F.X. Brun

Aldo Mozzini beim Einrichten der Ausstellung ‹Stadt im Museum. Part I›. Foto F.X. Brun

Aldo Mozzini beim Einrichten der Ausstellung ‹Stadt im Museum. Part I›. Foto F.X. Brun

Aldo Mozzini beim Einrichten der Ausstellung ‹Stadt im Museum. Part I›. Foto F.X. Brun

Aldo Mozzini beim Einrichten der Ausstellung ‹Stadt im Museum. Part I›. Foto F.X. Brun

Aldo Mozzini beim Einrichten der Ausstellung ‹Stadt im Museum. Part I›. Foto F.X. Brun

Fokus

Die Museumsdirektorin kam wegen einer ganz anderen Arbeit in Aldo Mozzinis Atelier. Als sie gerade gehen wollte, sagte er: «Ich wollte schon immer eine Stadt in ein Museum bauen.» Eine Idee, die Barbara Zürcher nicht mehr losliess. Zwei Monate später rief sie ihn an. Und nun entsteht im Haus für Kunst Uri ein unprätentiöses Gesamtkunstwerk voll sinnlicher Absurdität und nachdenklicher Ironie. Mozzini fordert uns darin zum Müssiggang auf. Und zu einem wandelnden Blick, der die Aura des Materials, die Geschichten, die in diesem enthalten sind, wahrzunehmen vermag. Ein Baustellenbesuch. 

Aldo Mozzini — Der Flaneur als Städtebauer

Unterwegs im Tram in einer mir unbekannten Gegend Zürichs. Neugierig schaue ich aus dem Fenster. Eine neue Überbauung nach der anderen. Ob Zürich «nur die Peri­pherie seiner selbst ist und sein Zentrum überall hat», wie der Schriftsteller Italo Calvino in ‹Die unsichtbaren Städte› schon 1972 fragt?
Endstation. Ich steige aus. Das Rauschen der nahen Autobahn kreuzt sich mit dem Pfeifen der Milane, die über der grünen Wiese kreisen. Der Anfang der «Pufferzone».

Die Möglichkeit einer Stadt
Aldo Mozzinis Atelier befindet sich in einem Neubau mit hohen Räumen und Sichtbeton. Ein Sammellager gebrauchter Materialien: Fenster, Bretter, Tücher, Elektroschrott … Da und dort einzelne Werke. Am Fenster ein massstabgetreues Modell der Ausstellung. Hier also entsteht ‹Die Stadt im Museum› als Ausstellung in zwei aufeinanderfolgenden Teilen. Ihm gefiel die Idee eines geschützten Aussenblicks auf eine fiktive Stadt im Innenraum, aus dem man dann wieder hinausgeht und mit ­einem veränderten Blick auf die reale Stadt schaut. Inspiriert von Calvinos Klassiker begann Mozzini eine Serie von Bleistiftzeichnungen. Städte, mal mögliche, mal unmögliche. Nach und nach kristallisierten sich die sich wiederholenden Elemente und Kombinationen heraus: Balkone, Markisen, Viadukte …
Auch vergangene Werke kehren wieder. Wie ‹quasi un babau›, 2020, der auf dem Steinfels-Areal in Zürich stand und nun die Besucher und Besucherinnen in Altdorf empfängt. Die Ausstellung ist jedoch keine Retrospektive. Denn: «Zurück kommt nur das Material, nicht die Arbeit, woraus Neues entsteht.» Jede Wiederholung erzeugt eine Differenz und damit einen neuen, veränderten Sinn. So auch im Leben.

Die Materialität der Freiheit
«Mit 19 löste ich ein Billett ‹Zürich einfach›». Erst seit dem Tod seiner Mutter verbringt Mozzini wieder mehr Zeit im Tessin. Im Haus, das er erbte. Doch statt das gesamte Inventar zu entsorgen, fragt er sich, was er damit machen könnte. «Das Tolle an so einem Haus ist, dass alle Epochen zusammenkommen.» So wird aus seinem Kinderbett aus den 1970ern ein Wartehäuschen mit Blick auf eine imaginäre Stadt. Und aus dem Elternbett ein venezianischer Balkon, der eine nahe Ferne ausstrahlt.
Wichtig ist Mozzini das gebrauchte Material als solches. Ihn reizt die Konfronta­tion, die Reibung mit dem Material und dem Kontext. Das Sammeln und die Bricolage haben weniger mit Geld oder Upcycling zu tun als mit «Patina», der «Aura», der Geschichte, die Gebrauchtes in sich trägt.
Der implizite Inhalt zeichnet bereits gewisse Möglichkeiten der Formen vor, die sich in einem Spielraum verwirklichen können. Dabei zieht der Künstler das Unfertige dem Fertigen vor − ein Entwurf, der an Beuys und die Arte Povera erinnert. Die Herausforderung ist, so wenig Material wie möglich zu verwenden. Die lapidare Geste, die immer präziser wird, die kein schnelles Hinwerfen ist. Denn der Prozess bis zum «Moment des Zeichens», des Sinns, der sich im Material ereignet, kann Jahre dauern. Dieses Zurücknehmen auf der Suche nach dem «absolut Unprätentiösen», diese Die zunehmende gesellschaftliche Sensibilität für Umwelt und Urbanismus, Nachhaltigkeit und Bescheidenheit ist wohl mit ein Grund für das generell steigende Interesse an Mozzinis «Kreislaufwirtschaft». Die Kritik am Ressourcenverbrauch ist beim Künstler zwar da, sie ist aber nie laut oder geschwätzig. Lieber tritt er hinter sein Werk. Etwa hinter seine kargen Bäume, Karikaturen künstlicher, domestizierter Kulturbäume in den Städten und Parks, Sinnbilder der kastrierten Natur.
‹Die Stadt im Museum› kann nichts anderes sein als ein Gesamtkunstwerk, eine räumliche Intervention des Museums als Ganzes. Doch ohne die exzessive Opulenz und das explizit Politische eines Hirschhorn. Mozzini kreiert ein Referenzsystem, ein Vokabular wiederkehrender Elemente, die Assoziationen an eigene Erfahrungen wecken. Jeder Raum besitzt eine andere Atmosphäre und erzeugt eine andere Stimmung. Neugierig flaniert man umher, schaut zweimal hin und verweilt. Diese Musse ermöglicht erst das freie Entfalten der Bezüge, die Resonanz zwischen innerem und äusserem Raum.
Ein Wandel des Blicks, der mit der Zeit, der Metamorphose der Stadt klarer wird. Part II entsteht in Zusammenarbeit mit dem Tessiner Künstler Oppy De Bernardo. Ein Umbau, der filmisch begleitet wird. Erst «wo die Formen ihre Variationen erschöpfen und sich auflösen, beginnt das Ende der Städte» (Calvino).

Michel Rebosura ist freier Autor und lebt in Luzern. michel.rebosura@gmail.com

Bis 
15.08.2021

Aldo Mozzini (*1956, Locarno) lebt in Zürich
Sozial- und Wirtschaftsmittelschule in Bellinzona, Kunstgewerbeschule in Zürich

Einzelausstellungen (Auswahl)
2018 ‹Z-Z› (mit Monica Mazzone), (R)isse, Varese
2016 Lokal 14, Zürich
2015 ‹De Bernardo & Mozzini›, Vebikus Kunsthalle Schaffhausen
2011 ‹Radix›, Frohe Ussicht, Samstagern (mit Oppy De Bernardo)
2010 Villa du parc, Centre d’art contemporain, Annemasse
2008 ‹Le invasioni barbariche›, La Rada Locarno (mit Oppy De Bernardo)

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2020 Gasträume, Zürich; Werk- und Atelierstipendien der Stadt Zürich, Helmhaus
2019 Swiss Art Awards, Basel
2018 Werk- und Atelierstipendien der Stadt Zürich, Helmhaus; Kunstszene Zürich
2017 ‹La Ruche et la valise›, Villa Bernasconi Lancy; ‹Schena da vedro›, Kunst(Zeug)Haus Rapperswil
2015 ‹Sviluppo-Parallelo›, Kunstmuseum Luzern; ‹Voglio vedere le mie montagne›, MAGA, Gallarate
2014 Triennale Wallis

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Aldo Mozzini — Die Stadt im Museum Part I 12.06.202115.08.2021 Ausstellung Altdorf
Schweiz
CH
Künstler/innen
Aldo Mozzini
Autor/innen
Michel Rebosura

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