Das Grosse Rätsel – Stadt im Idealzustand

Nancy (Frankreich), Place Stanislas, 16.5.2021. Foto: SH

Nancy (Frankreich), Place Stanislas, 16.5.2021. Foto: SH

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Das Grosse Rätsel – Stadt im Idealzustand

Eben noch war mir warm, eben noch fläzte ich mich im Parc de la Pépinière auf ­einem Bänkchen, genoss die Sonnenstrahlen, blätterte in einem Reiseführer der Stadt ­Nancy und blinzelte dann und wann dankbar in die strahlende Welt hinaus. Plötzlich aber knacksten in den Bäumen Lautsprecher los: «Mesdames, Messieurs, klimatische Ereignisse aussergewöhnlicher Natur zwingen uns, den Park zu schliessen, begeben Sie sich zu den Ausgängen, immédiatement!» Man stöhnte leise, man erhob sich, man schlurfte widerwillig zu den Toren. Ein gewaltiges Unwetter, so munkelte man, rolle auf Nancy zu und die Autorité fürchte, Äste könnten die Besucher erschlagen.
Die klimatische Extravaganza grollte an der Stadt vorbei, doch der Regen kam. Und jetzt steht mein Körper, der eigentlich im Park in der Sonne liegen möchte, unter einem halbdichten Schirm auf der Place Stanislas. Der Triumphbogen vor mir, errichtet zur Glorie von Ludwig XV., spuckt wieder und wieder Menschen aus, die allesamt wirken, als habe man sie eben aus einem Paradies gejagt. Cafés und Restaurants sind geschlossen, Museen und Warenhäuser zu. Wenn es regnet, gibt es keinen öffentlichen Ort mehr in dieser Stadt, wo man sich aufhalten könnte. Die Bewohner werden zu Passanten und die Besucher … Ich spüre einen Fluchtreflex. Nur wohin? Da fällt mir plötzlich auf, wie gut diese Architektur jetzt gerade zur Geltung kommt. Könnte es sein, dass die Stadt in diesem unbehausten Zustand der hehren Vorstellung ihrer Erbauer so nahe kommt wie sonst nie? Schon die Idealstädte der Renaissance, wie etwa jene von ... , die hier als Vorbild dienten, waren bis auf ein paar Staffagefiguren unbeseelt. Stünde ich also hier und jetzt mitten in einem Paradies? Kein Wunder, fühle ich mich fast feierlich. Kein Wunder, ist mir ganz kalt. 

Samuel Herzog, Textbauer, Inselbauer, Schüttsteinschaffer. info@samuelherzog.net
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Autor/innen
Samuel Herzog

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