Ernst Ludwig Kirchner

Ernst Ludwig Kirchner · Heimkehrende Ziegen­herde, 1920, Öl auf Leinwand, Fond. Gabriele e Anna Braglia, Lugano. Foto: Roberto Pellegrini

Ernst Ludwig Kirchner · Heimkehrende Ziegen­herde, 1920, Öl auf Leinwand, Fond. Gabriele e Anna Braglia, Lugano. Foto: Roberto Pellegrini

Ernst Ludwig Kirchner · Bauer, einen Schubkarren ziehend, 1926–1932, Öl auf Leinwand, Courtesy Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern

Ernst Ludwig Kirchner · Bauer, einen Schubkarren ziehend, 1926–1932, Öl auf Leinwand, Courtesy Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern

Hinweis

Ernst Ludwig Kirchner

Lugano — Höchstpersönlich führt der Hausherr Gabriele Braglia durch die erste Ausstellung seiner Luganeser Stiftung, die nicht vollständig aus seiner Sammlung schöpft, sondern auch durch Leihgaben des Kirchner-Museums in Davos ergänzt wird. In den 1950ern hat das Ehepaar Gabriele und Anna Braglia seine Sammlung initiiert, vorerst mit italienischer Gegenwartskunst, um sich später, inspiriert durch seine Europareisen, auf den deutschen Expressionismus zu konzentrieren. Ihren ersten Kirchner konnten sie allerdings erst 2019 erstehen: Die ‹Heimkehrende Ziegenherde› erinnert vage an die traditionelle Appenzeller Malerei, wo sich Kühe, Geissen und Bauernfamilien während des Alpaufzugs im Gänsemarsch den Berg hinaufschlängeln. Allerdings ist die Komposition in Kirchners Version – wie sein Leben damals – aus dem Lot geraten. Die Wege und die Baumreihen sind schräg gekippt und die Farben erinnern an einen Vulkanausbruch, verstärkt durch den Einsatz der Komplementärpaare Rot-Grün und Blau-Orange, was dem Bild mit seiner spiralförmigen Konstruktion eine schwindelerregende Sogwirkung verleiht. 1917 strandet Kirchner physisch und psychisch angeschlagen in Davos, nach der Auflösung der Künstlergruppe ‹Die Brücke›, 1905–1913, und nach traumatischen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg. In der Bergidylle, wo er seine nächsten 21 Jahre bis zu seinem gewaltsamen Tod 1938 verbringen wird, findet er – nach Kur und Internierung bei Dr. Binswanger im Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen – endlich die nötige innere Ruhe, um die künstlerische Arbeit wieder aufzunehmen.
Die Ausstellung mit Skizzenbüchern, Bleistiftzeichnungen, Radierungen, Lithografien und Ölgemälden legt den Fokus auf das Bergleben und dessen Darstellung. In dem Gemälde ‹Bauer einen Schubkarren ziehend›, 1926–1932, klingt formal die Idealisierung der Bauern- und Arbeiterklasse aus dem sozialistischen Realismus nach: Die gebückte Statur, die breiten Schultern und die grossen Pranken werden durch die holzschnittartige Schraffur verstärkt. Und ‹Die drei alten Frauen›, 1926/26, evozieren die sachliche Wiedergabe der drei ‹Jungbauern› in einer Fotografie von August Sander.
Die Zeichnungen überraschen mit ihrem energetischen und gestischen Strich, die Malereien überwältigen mit ihrer schreienden Energie: Sie zeugen von einem aufreibenden Kampf mit dem Leben, dem Erhabenen und der ­Materie, so auch diese Worte: «Oh, wenn man das malen könnte! Man kann es ja leider mit diesen schrecklichen Farben nicht wiedergeben.» 

Bis 
31.07.2021

Werbung